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Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?

geschrieben von Pelemele 
Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
08. Januar 2026 13:38
Hallo!

ganz schön schwierig, zu sich zu stehen, wenn man nicht seinem eigenen Selbstideal entspricht und irgendwie auch in einem unklaren Dauerzustand gefangen ist!
Ich hatte hier vor einigen Wochen schon einmal einen Bericht über mich geschrieben und dann aus Scham doch wieder rausgenommen.
Nun möchte ich ihn erneut schreiben, um einfach ehrlich mit mir zu sein und einen Schritt Richtung "mehr Klarheit" zu machen....

Ich bin Ende 30 und frage mich inzwischen fast täglich, ob ich "schwul", "bisexuell" oder "hetero mit sexueller Homoneigung bin?
Aber der Reihe nach...

In meiner Jugend, gab es noch keinerlei Anzeichen dafür, dass ich vielleicht auf Männer stehen könnte... es gab in meiner Welt einfach Mädels und Jungs und als Junge verliebt man sich halt in Mädels! Was ich auch oft getan habe, aber nie erfolgreich, weil ich zwar ganz gutaussehend war aber schüchtern und nicht sehr selbstbewusst. Außerdem bin ich sehr christlich aufgewachsen und war in meiner Jugendzeit ein sehr gläubiger Mensch. Ich war v.a. in Freikirchen unterwegs. Dort lernte ich das Thema "Homosexualität" v.a. als sündhaftes Verhalten und nicht natürlich bzw. gottgewollt kennen. Daher wäre es bis ich ca. 17/18 Jahre alt war nie für mich in Frage gekommen, darüber nachzudenken, dass ich schwul sein könnte. Mit Mädchen tat ich mich allerdings irgendwie weiterhin schwer, v.a. mit Mädels, die ich attraktiv fand! Ich habe irgendwie das Konzept entwickelt, dass die meisten Mädels einfach auf "coole, selbstbewusste, Fußballertypen" stehen und nicht auf so nachdenkliche, sensible und schüchterne Typen wie mich, die dazu noch fleißig Bibel lesen...
Naja, ab der Oberstufe bekam meine christliche Weltanschauung langsam Risse und ich fing an viele Glaubenssätze zu hinterfragen. Daneben hielten durch das Internet Pornos Einzug in meinen Alltag. Pornografie war damals mit 17/18 allerdings ein extrem schambesetztes Thema für mich, da ich immer noch ziemlich fromm unterwegs war und dachte mit meinem Glauben könnte ich diesen Drang mich selbst zu befriedigen und dabei Pornografie zu konsumieren besiegen. Hat aber nicht geklappt! Der christliche Glaube ist mittlerweile gegangen und die Pornografie geblieben:-\
Gleichzeitig fing ich allerdings auch immer öfter so ca. mit 20 Jahren damit an, Ausflüge auf Gay-Porno Seiten zu unternehmen und bemerkte an mir, dass es mich irgendwie besonders erregt! Das passte aber eigentlich so gar nicht in mein Selbstkonzept damals!!! Ich kam davon aber nicht mehr los und suchte neben den Hetero-Pornos immer wieder den "Gay-Kick"! Hinterher schämte ich mich aber zutiefst und dachte immer oder redete mir ein, dass ich nur eine Freundin bräuchte und alles wird wieder gut und ich bin von dieser eigenartigen "Homoneigung" geheilt.
Während meiner Studi-zeit fing ich dann damit an, aktiv über Dating-Portale nach einer Freundin zu suchen... Funktionierte aber auch nicht so gut und es dauerte eine Weile bis ich dann endlich mal eine traf, die mich toll fand und mir sagte, ich sei "voll der Frauentyp". Das schmeichelte mir damals natürlich total, aber fühlte sich auch irgendwie nicht ganz stimmig an für mich, warum auch immer! Jedenfalls erlebte ich mit diesem Mädchen, die aber eigentlich nicht so mein Typ war, meinen ersten richtigen Kuss und wir waren dann für einige Wochen zusammen! Allerdings Fernbeziehung! Bei dem einen Kuss und Treffen ist es dann auch geblieben und nach 1 Monat war dann wieder Schluss.
Mit ungefähr 22/23 Jahren nahmen meine Ausflüge auf Gay-Pornoseiten und auch auf Seiten, wo man mit schwulen/bisexuellen Männern anonym in Kontakt treten konnte zu und meine Neugier trieb mich immer weiter, sodass ich einen Ausflug an einen See bei mir in der Nähe unternahm, an dem sich Schwule zum Cruisen und FKK trafen...
Dieser Ort hat mich total geflasht! Ich sah zum ersten Mal nackte Männer, die in Büschen und Waldstücken zärtlich zueinander waren und ganz frei mit errigiertem Penis in der Natur umherliefen...
All das hat mich mega erregt! Es hatte so was unwirkliches, geheimes und irgendwie auch was verbotenes! Dort hatte ich dann auch meine erste sexuelle Begegnung mit einem Mann! Zum ersten mal berührte ein Fremder meinen Penis und zum erstem Mal berührte ich seinen. Wir befriedigten uns gegenseitig und ich fühlte im Anschluss irgendwie keine Reue! Ich dachte bei mir nur: "Verdammt, jetzt ist es also passiert, jetzt gehör ich irgendwie zu denen...!" Es dauerte aber wieder nicht lange und die Scham und das Gewissen nahmen überhand! Ich versuchte alles, um gegen diese erlebte "Geilheit" auf homoerotische Kontakte anzukämpfen! Tortzdem "verlief" ich mich immer wieder auf Gayseiten und suchte auch diesen See noch 2-3 Mal auf, um diese homosexuelle Atmosphäre zu erleben.
Mit 24 lernte ich schließlich während eines Praktikums für mein Studium meine erste richtige Freundin und bis heute "Lebensgefährtin" kennen und lieben! Kurz vorher hatte ich zwar noch 2 homosexuelle Begegnungen an einem anderen See und suchte anonym im Internet nach Kontakt, aber durch meine "Freundin" hoffte ich nun endlich davon "geheilt" zu werden! Ich war auch wirklich verliebt in sie und liebe sie bis heute sehr! Ich hatte meinen ersten Sex mit einer Frau mit ihr und war total im "honey-moon".... Es war und ist bis heute eine schöne Zeit mit ihr!
Aber es dauerte "leider" nicht lange und ich suchte im Internet wieder "heimlich" zusätzliche Befriedigung mit gay-pornos....
Ich versuchte zwar fast "krampfhaft" dagegen anzukämpfen und hoffte, dass es einfach irgendwann aufhört, da ich meine "Lebensgefährtin" so sehr liebte! Aber es hörte einfach nicht auf und dieser Drang nach homoerotischen Begegnungen verstärkte sich sogar über die Jahre...
An verschiedenen Orten in verschiedenen Städten, in denen ich seither gelebt habe, suchte ich immer wieder anonym über Internet nach Cruising-Gebieten und Begegnungen. Die realen Begegnungen mit schwulen Männern hielten sich bis Heute allerdings sehr in Grenzen und ich hatte auch noch nie "richtigen" Sex mit einem Mann! Aber ich wollte es meiner Lebensgefährtin nicht antun, sie auf diese Weise physisch zu betrügen! Ich führe mit ihr im Großen und Ganzen eine sehr glückliche Beziehung und wir hatten v.a. in den ersten Jahren auch guten Sex. Ich fühle mich auch körperlich von ihr angezogen und finde Frauen auch generell schön anzusehen!
ABER!
In den letzten Jahren bemerke ich eine zunehmende sexuelle Fixierung auf schwule Männer! Ich habe auch angefangen über Planet-Romeo Kontakte zu schwulen Männern zu knüpfen... Anfänglich löschte ich immer wieder nach kurzer Zeit mein Profil aus Scham! Meine Kontakte und Chatpartner haben es sehr schwer mit mir, da ich mich extrem selten real mit jemanden treffe, und dann meistens auch nichts wirklich sexuelles passiert, da ich einfach diese mega Gewissensbisse meiner Lebensgefährtin gegenüber habe!
Meine sexuellen Fantasien mit schwulen Männern sind in den letzten beiden Jahren immer stärker geworden und ich befriedige mich häufig mit gay-pornos und fantasierten Begegnungen mit Chatpartnern. Ich habe nur noch selten Lust auf sex mit meiner Lebensgefährtin, gebe mir aber größte Mühe mir nichts anmerken zu lassen. Ich glaube zwar, dass sie noch keinen Verdacht schöpft, dass ich "heimlich" sexuell vor einem anderen Ufer schwimme, aber es ist unglaublich anstrengend und ich fühle mich einfach mies, ihr gegenüber, da ich sie wirklich liebe und gerne mit ihr zusammenlebe, sie gerne küsse und auch gerne körperlich mit ihr bin (Kuscheln und so...).. und eigentlich auch gerne nur mit ihr sex hätte und nur sie begehren wollen würde!
Ich weiß einfach nicht mehr wie ich damit umgehen soll! Ich weiß nicht, wer oder was ich bin? Ich frage mich, warum ich sexuell auf Männer stehe und es nicht einfach unterdrücken kann, im Gegenteil, warum meine Fantasien mit einem Mann immer intensiver geworden sind...?
Außerdem leide ich schon seit einigen Jahren unter immer wiederkehrenden depressiven Episoden, mit denen ich meiner Lebensgefährtin gegenüber oft meine sexuelle Lustlosigkeit begründe... aber eigentlich hab ich total viel Lust! Nur irgendwie nicht "nur" mit ihr, sondern auch mit fantasierten schwulen Männern....
Das krieg ich einfach nicht zusammen!!!
Ich liebe meine Lebensgefährtin und liebe es, mit ihr zusammen zu leben, aber gleichzeitig hab ich diese homosexuelle Lust!
Ich traue mich aber nicht, offen und ehrlich damit umzugehen, weil ich Angst habe, meine Lebensgefährtin dadurch zu verlieren ...

Es ist verdammt schwer, damit umzugehen!!!

Sorry, für meinen Bericht, denn geoutet bin ich damit eigentlich noch nicht! Aber ich wollte es mir mal von der Seele schreiben!



9-mal bearbeitet. Zuletzt am 23.05.26 13:59.
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
08. Januar 2026 15:55
Hallo Pelemele!

Erstmal thumbs up dafür, dass du den Mut gefunden hast zu schreiben. Damit hast du schon mal einen wichtigen Schritt getan, Ordnung in dein inneres Chaos zu bringen.

Religion stellt immer einen Block dar, wenn es um die intimen Dinge des Lebens geht. Je fundamentalistischer, umso schwieriger. Und religiöse Erziehung in der Kindheit beeinflußt die sexuelle Entwicklung, das ist nachgewiesen.
Du hast geschrieben, dass du dich bis zu deinem 19/20 Lj nie zu Männern hingezogen gefühlt hast. Wie war das mit Jungs während der Pubertät? (Brauchst du nicht beantworten, soll nur ein Denkanstoss sein).

Gewöhnlich "verläuft" man sich nicht auf Gay-Seiten winking smiley Wenn du ehrlich bist, hast du danach gesucht - und das ist nichts negatives.
Du schreibst von "mangenldem Selbstvertrauen" Frauen gegenüber. Könnte es auch sein, dass es mehr ein verkrampftes "ich will eine Freundin" war, statt mangelndem Selbstvertrauen, dass dir Probleme bereitet hat? Auch das nur als Denkanstoss.

All das, was du beschreibst, geht in die Richtung homosexuell. Und zwar primär, nicht bi.

Das Problem bei Sex mit der Partnerin kenne ich aus eigenem Erleben. (Auch wenn ich aus meiner Ehe zwei mittlerweile erwachsene Kinder habe)

Du liebst deine Freundin emotional. Ging mir auch so. Aber deine Orientierung sehnt sich nach einem Mann...

Eines kann ich dir aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Du kannst deine Familie, dein Umfeld betrügen, aber am Ende nie dich selbst. Und je länger du es trotzdem versuchst, umso schlimmer wird das Chaos in deinem Inneren. Die Depression, die du erwähnt hast, ist schon ein erstes Signal.

Ich wünsche dir alles Gute, für deine weitere Entwicklung. Hoffentlich findest du deinen Weg.

lg Uwe

PS: Wenn du Fragen hast, gerne per PN

I am what I am: I am my own special creation!



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.01.26 12:02.
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
09. Januar 2026 08:27
sorry!
ich habe meinen Beitrag rausgenommen.



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 21.01.26 21:30.
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
09. Januar 2026 09:52
Guten Morgen Pelemele.

Du fragst, woran ich die (vermutliche) primäre Orientierung festmache:

Quote

Emotional hänge ich sehr sehr sehr an meiner Lebensgefährtin aber sexuell bin ich irgendwie an einem anderen Ufer gestrandet, so fühl ich mich jedenfalls oft und das kriege ich noch nicht so ganz zusammen :-(

Mit dem Satz hast du die Erklärung schon selbst gut beschrieben, aber du hast die Schlussfolgerung dazu noch nicht gefunden.
Wärst du hetero, gäbe es keinen Konflikt zwischen dem psychischen und dem physischen Liebeserleben, deinen Fantasien und der Realität. Wärst du bi, gäbe es ebenfalls keinen Konflikt, weil du "auf beiden Seiten des Platzes" spielen könntest. Es gibt aber einen Konflikt. Was also ist die Schlussfolgerung?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Mann erst relativ spät seine Orientierung "entdeckt". Vorallem dann nicht, wenn er in einem religiösen Umfeld aufwächst, in dem die nicht-reproduktive Sexualität als "Sünde" angesehen wird. Erst mit der Lösung aus diesem Umfeld beginnt dann ein Prozess, den man als "Befreiung" bezeichnen könnte. In der Fachliteratur wird das oft beschrieben.

Dazu kommt - vielleicht - noch etwas Anderes: Auch wenn du etwas jünger bist als ich, gehörst du immer noch zur "Generation 175" - denen von uns, die ihre Pubertät in einer Zeit erlebten, als Homosexualität zwischen Männern noch eine Straftat war und die Gesellschaft allgemein homophob... Es hat sich seit damals einiges geändert. Wir werden zumindest toleriert, auch wenn wir von "akzeptiert" noch weit entfernt sind...

Für dich ist es jetzt wichtig, dass du einen Weg aus dem Chaos findest. Und dazu must du zuerst mit dir selbst ins reine kommen, das, was man als "coming in" bezeichnet. Wer bist du, was bist du und wie willst du dein Leben weiter leben. An diesem Punkt ist Egoismus gesund und notwendig, weil nur so der Konflikt zu lösen ist.

Soviel für jetzt. Danke, ich habe den Anfang meines Weges gefunden. Wohin er mich führen wird - wer weiß...

lg Uwe

I am what I am: I am my own special creation!



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.01.26 12:03.
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
10. Februar 2026 22:04
Dein Bericht wirkt sehr ehrlich und berührend – man spürt, wie stark dich der Widerspruch zwischen Liebe und Begehren beschäftigt.

Was du beschreibst, muss nicht heißen, dass du „eindeutig“ schwul, hetero oder 50/50-bi bist. Manchmal kann eine Sexualität tatsächlich mehrere Seiten haben – körperlich, seelisch, romantisch. Es gibt Menschen, die sich vor allem in Frauen verlieben, aber sexuell stärker auf Männer reagieren; andere erleben es umgekehrt. Das heißt: Orientierungen können sich differenziert zeigen, ohne dass man sie in feste Schubladen pressen muss.

Sehr nachvollziehbar ist, dass du aus einem Umfeld kommst, in dem Homosexualität tabuisiert war. Solche frühen Verbote können paradoxerweise die körperliche Spannung verstärken: Das, was nicht erlaubt ist und man nicht so einfach haben kann, wird besonders aufgeladen. Gleichzeitig wird die „erlaubte“ und einfacher mögliche Sexualität mit Frauen dadurch oft eher reizlos.

In deinen Schilderungen zeigt sich das deutlich: Mit deiner Partnerin erlebst du Sicherheit, Zärtlichkeit, Liebe – Gefühle, die echt und verbindlich wirken. Diese Seite ist genauso Teil deiner sexuellen und emotionalen Wirklichkeit wie die sexuelle Lust auf Männer (und Frauen scheinst du ja auch erotisieren zu können, wenn auch nicht so stark). Es spricht also viel dafür, dass du eine vielschichtige Sexualität hast, die einfach noch nicht in ein ruhiges Gleichgewicht gefunden hat.

Vielleicht hilft dir der Gedanke, dass Sexualität nichts ist, das man „entscheiden“ oder kontrollieren muss, sondern ein Raum, in dem sich verschiedene Bedürfnisse ausdrücken: Nähe, Bestätigung, Geborgenheit, Lust, Begehren, Selbstakzeptanz. Wenn du beginnst, diese Bedürfnisse nicht mehr gegeneinander auszuspielen, sondern zu verstehen, warum jede Seite ihre Berechtigung hat, kann sich mit der Zeit viel Druck lösen – und du musst dich selbst nicht länger in Schuld oder Verwirrung verfangen.

Ich wünsche Dir alles Gute!

Liebe Grüße
Ctejeda



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 11.02.26 07:27.
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
12. Februar 2026 12:01
Hallo Cetejeda,

dein Beitrag ist so wundervoll geschrieben.
Selbst mir als "altem Hasen", der sich schon gut 50 Jahre mit seiner Sexualität beschäftigt und einen Weg gefunden zu haben glaubt, stellen sich doch gelegentlich auch immer wieder mal Fragen und es gibt Situationen, in denen die Akzeptanz wankt.
Da hast du für mich den Nagel so was von auf den Kopf getroffen. Das gibt wieder Bestätigung und Selbstvertrauen.
Es ist einfach unglaublich, welche Bandbreite von betroffenen Menschen sich in diesem Forum befinden.
Herzlichen Dank für allle eure Beiträge.

liebe Grüße
Bi-Senior
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
23. Mai 2026 14:45
Hallo,

jetzt sind wieder Monate vergangen seit meinem Bericht von mir hier...
Erstmal vielen lieben Dank an diejenigen, die darauf geantwortet haben und dabei wirklich interessante Gedanken bei mir angeregt haben!
Ich beschäftige mich gedanklich inzwischen wirklich intensiv mit meiner "Sexualität"!
Manchmal denke ich sogar, wenn ich meine Lebensgefährtin nicht kennengelernt hätte, wäre ich wohl "schwul" geworden...
Aber dann schiebe ich diesen Gedanken wieder weit weg von mir.
Allerdings habe ich das sexuelle Interesse an Frauen, wenn ich ehrlich bin, ziemlich komplett verloren. Denke dabei eigentlich nur noch an schwule Männer...
Dieser Konflikt erscheint mir irgendwie unlösbar, da ich meine Lebensgefährtin liebe und nicht verlieren will!
Eine sogenannte "vielschichtige Sexualität" erscheint mir extrem kompliziert.
Ich denke wir Menschen haben ein natürliches Bedürfnis nach "Eindeutigkeit", daher erfinden wir auch ständig neue Kategorien, in die wir uns einordnen können!
Ich würde mich auch wünschen eindeutig hetero oder homo zu sein...
Meine körperlichen Sehnsüchte sind seit schon fast 20 Jahren langsam aber stetig auf "homo" gepolt, mein Kopf und Verstand erlaubt es aber nicht und mein Gefühl möchte die Person, die ich liebe (auch ganz unkörperlich) nicht verletzen...
Aber ich habe zunehmend das Bedürfnis offen und ehrlich damit umgehen zu wollen...
Wer weiß, wo meine Reise hinführt???

LG an alle
Re: Bin ich etwa...? Kompliziert oder doch ganz einfach?
15. September 2026 19:49
Hallo Pelemele,

schön, dass du dich wieder gemeldet hast.

Eine Sache fällt mir auf, während ich deine Posts lese: Du beschreibst deine Situation oft mit Worten wie "Scham", "geheilt werden", "unterdrücken", "dagegen ankämpfen". Das wirkt wie die Sprache von jemandem, der immer noch in Glaubenssätzen der alten Freikirche verfangen scheint, auch wenn der Glaube selbst längst gegangen ist. Auch hast du Schuldgefühle gegenüber deiner Frau. Letztlich liebst du sie aber und hast sie nicht betrogen. Für das, wie du gerade sexuell empfindest, kannst du nichts.

Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe gar nicht, herauszufinden, ob du schwul, bi oder hetero bist – sondern erstmal, diese alte Stimme leiser zu drehen, die dir sagt, dass an deiner Sexualität etwas falsch ist bzw. die Scham- und Schuldgefühle abzulegen. Solange das ganze im Hintergrund läuft, wirst du nie eine klare Antwort für dich finden.

Das Problem ist im Moment nicht in erster Linie deine Sexualität, sondern das Verheimlichen deines inneren Konflikts. Zwanzig Jahre lang etwas mit sich allein auszumachen, das ist eine enorme Last, und die depressiven Phasen, von denen du schreibst, treten wahrscheinlich nicht zufällig auf.

Was ich dir wirklich raten würde: Sprich mit jemandem, der dafür ausgebildet ist – ein:e psychologische:r Psychotherapeut:in, idealerweise mit Erfahrung in Fragen sexueller Identität, nicht kirchlich gebunden. Nicht um dir zu sagen, was du bist, sondern um dir zu helfen, ohne die alte Schamschleife auf dich selbst zu schauen.

Ich wünsche dir alles Gute!

Ctejeda



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 16.09.26 08:01.
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