Lieber Blatt123,
vor dieser Frage, wie du sie hier stelltst stehen gar nicht so wenige Männer in äußerlich "normalen" Familien. In den Dating-Plattformen findest du jede Menge Männer, die ein solches Doppelleben, wie du es schilderst, führen. Ich habe da in den vergangenen 20 Jahren mit vielen verheirateten Männern gechattet und so manchen auch gedatet.
Allerdings weiß meine Frau von Anfang an, dass ich noch eine zweite Seite habe. Wir tauschten uns auch immer über alle Themen dazu aus.
Deswegen war aber unser gemeinsames Leben dennoch nicht so easy, wie man das nun vielleicht vermuten möchte. Nach einer kurzen Beziehung mit einem jungen Mann vor 25 Jahren, ich war in ihn richtig verknallt, waren wir in einer schwierigen Situation. Wir wollten aber unsere Beziehung und unsere Familie mit vier Kindern erhalten. Unsere Ehe war ansonsten wirklich ein außergewöhnlich festes Liebesband, auch mit entsprechenden sexuellen Aktivitäten.
Wir kamen überein, dass ich verantwortungsvoll meine zweite Seite leben durfte und wir uns darüber nicht mehr im Detail austauschten. Damit begann dann peu á peu über die Jahre genau das Doppelleben und die Sucht, wie du sie beschrieben hast. Jeder erfüllte Wunsch weckte den nächsten und es zog mich immer mehr in einen gewissen Strudel. Das beeinflusste, obwohl ich immer der Meinung war, ich könnte beide Seiten im Kopf sauber auseinanderhalten, doch meine "Heteroseite"und meine Beziehung zu/mit meiner Frau. Es stellten sich zunehmend Errektionsstörungen ein, sowohl im Zusammensein mit meiner Frau, als auch bei einem Mann. Der Kopf hat es eben doch nicht so einfach verkraftet. Ich habe dann verschiedene Versuche unternommen, von diesem immer stärker werdenden Drang nach Männern loszukommen. Spirituelle Zeit im Kloster, selbst auferlegter Verzicht etc. Es war, wie bei Diäten, meistens kommt es danach noch "dicker". Vor fünf Jahren stand ich vor meiner eigenen menschlichen "Bankrotterklärung" mir gegenüber, da ich meine hoch gehaltenen und den Kindern vermittelte Werte selbst nicht mehr eingehalten habe. Ich habe nicht mehr gewußt, wie ich aus dieser Situation herauskommen sollte. Beruflich stand ich in der Öffentlichkeit und unsere Familie galt als "Traumfamilie". In dieser Situation lernte ich dann einen jungen, auch verheirateten, Mann kennen, mit dem ich mich dann öfter traf und mit dem ich mich sehr gut verstand. Ich spürte erstmals wieder eine gewisse innere Ruhe nach unseren Treffen. Das spürte auch meine Frau und ich eröffnete ihr immer mehr von meinem Freund. Unsere Beziehung wurde wieder deutlich harmonischer. Es gab aber noch keine beidseitige Perspektive für die Zukunft. Da hat uns dann eine mehrmonatige Begleitung einer für uns beide optimal passenden Paarberaterin der Familienberatung sehr viel geholfen. Sie hat uns keine Ratschläge oder Anleitungen gegeben, sondern uns durch gezielte Fragen die Antworten auf unsere Fragen und Herausforderungen selbst finden lassen. Dadurch haben wir unsere Ehe und auch die Sexualität wieder neu beleben können und es war mir möglich, auch meine zweite Seite in gewissem Umfang leben zu können.
Das ist unser Weg, der unseren Idealvorstellungen am nächsten kommt, aber auch viel Disziplin und Kompromisse erfordert und trotz allem auch gelegentlich schmerzvoll ist. Aus vielen Lebensgeschichten hier im Forum und einigen Austausch-Kontakten mit Männern dazu entnehme ich aber, dass meistens eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung, die Einstufung in schwul oder nicht schwul, gesucht wird. Das kann auch jeder nur aus seiner Situation heraus entscheiden, denn jede Beziehung, jede Situation ist viel komplexer, als dass man sie hier vollständig wiedergeben könnte. Und jeder fühlt anders, so dass Situationen nie kopiert werden können.
Du stehst also mit deiner Entscheidung letztendlich doch allein. Du kannst lediglich deine Entscheidung durch Abwägungen, die du aus den Erfahrungsberichten hier liest, vielleicht etwas überlegter treffen.
Meine absolut wertvolle Erfahrung, die ich gerne weitergebe, ist die, dass bei Gesprächen, die unter Partnern sehr emotional belastet sein können, eine gute Moderation eines außenstehenden Dritten sehr wertvoll sein kann.
Und nun wünsche ich dir und den anderen, die hier in den letzten Tagen mit ähnlichen Fragen und Situationen hier geschrieben haben, alles Gute, Perspektiven für die Zukunft und das Quäntchen Glück/Fügung, das/die manchmal einfach auch im Spiel ist. Das Leben ist wirklich bunt und vielfältiger, als nur schwarz und weiß.