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Wie sich öffnen gegenüber seiner Ehefrau?

geschrieben von Blatt123 
Wie sich öffnen gegenüber seiner Ehefrau?
04. Januar 2025 10:47
Hallo,

ich bin männlich und 40 Jahre alt. Ich weiß persönlich seit meiner Pubertät, dass ich mich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühle. Zu diesen Gefühlen habe ich bisher nach außen nicht gestanden. Als Jugendlicher war (und ist es immer noch) für mich erstes Ziel im Leben eine Familie mit Kindern zu haben. Damals dachte ich, dass wäre nur mit einer Frau möglich. Meine Frau habe ich vor knapp 20 Jahren kennengelernt. Sie war und ist die einzige Person mit der ich intim geworden bin. Wir sind ein gutes Team. Gemeinsam haben wir wunderbare Kinder.
Mein Interesse an homosexueller Erotik hab ich seit meiner Jugend gekonnt versteckt. Ich hatte immer eine Ausrede worum ich spät abends alleine noch am PC sein muss. Dieses Verlangen wurde über die Jahre immer zwanghafter. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht mir "Filme und Bilder" anschauen musste. Es wurde eine Sucht und ich bekam vor mir selber Angst. Nicht das ich nur "Filme" geschaut habe, sondern ich begann aktiv nach Männern zu suchen. Die auch in der Heimlichkeit leben. Ich glaube, ich bin sonst ein sehr ehrlicher Mensch. Die Vorstellung meiner Frau nicht nur etwas zu verheimlichen sondern auch aktiv zu belügen um ein Doppelleben zu führen, schockierte mich. Mir wurde bewusst, das alles würde zu einer Katastrophe führen. Irgendwann wäre es aufgeflogen und hätte unsere Familie zerstört.

Seit 3 Monaten steht für mich fest, mit dieser Sucht/diesen Zwängen möchte ich nicht mehr leben. Seitdem ist mein Zwang die "Filme" zuschauen und mich täglich zu erleichtern weg. Jedoch bin ich hin- und hergerissen, wie ich mich gegenüber meiner Frau öffnen kann und soll. Ich weiß, dass ich sie verletzen werde. Sie spürt, dass mich etwas bewegt. Ich will meine Frau nicht verlassen. Ich will nichts nachholen. Ich will nur endlich ehrlich zu ihr sein, damit sie auch die Möglichkeit hat, darauf zu reagieren.
Ich frage mich: Soll ich ihr sofort alles erzählen oder behutsam Stück für Stück, so dass sie (so meine Hoffnung) sich langsam öffnen kann für den Gedanken, dass unsere Beziehung als Mann und Frau, die sich lieben und körperlich begehren, nicht mehr da ist?
Ich würde mich über eure Erfahrungen zu diesem Punkt freuen. Vielen Dank.

Viele Grüße
Re: Wie sich öffnen gegenüber seiner Ehefrau?
05. März 2025 19:50
Lieber Blatt123,
vor dieser Frage, wie du sie hier stelltst stehen gar nicht so wenige Männer in äußerlich "normalen" Familien. In den Dating-Plattformen findest du jede Menge Männer, die ein solches Doppelleben, wie du es schilderst, führen. Ich habe da in den vergangenen 20 Jahren mit vielen verheirateten Männern gechattet und so manchen auch gedatet.
Allerdings weiß meine Frau von Anfang an, dass ich noch eine zweite Seite habe. Wir tauschten uns auch immer über alle Themen dazu aus.
Deswegen war aber unser gemeinsames Leben dennoch nicht so easy, wie man das nun vielleicht vermuten möchte. Nach einer kurzen Beziehung mit einem jungen Mann vor 25 Jahren, ich war in ihn richtig verknallt, waren wir in einer schwierigen Situation. Wir wollten aber unsere Beziehung und unsere Familie mit vier Kindern erhalten. Unsere Ehe war ansonsten wirklich ein außergewöhnlich festes Liebesband, auch mit entsprechenden sexuellen Aktivitäten.
Wir kamen überein, dass ich verantwortungsvoll meine zweite Seite leben durfte und wir uns darüber nicht mehr im Detail austauschten. Damit begann dann peu á peu über die Jahre genau das Doppelleben und die Sucht, wie du sie beschrieben hast. Jeder erfüllte Wunsch weckte den nächsten und es zog mich immer mehr in einen gewissen Strudel. Das beeinflusste, obwohl ich immer der Meinung war, ich könnte beide Seiten im Kopf sauber auseinanderhalten, doch meine "Heteroseite"und meine Beziehung zu/mit meiner Frau. Es stellten sich zunehmend Errektionsstörungen ein, sowohl im Zusammensein mit meiner Frau, als auch bei einem Mann. Der Kopf hat es eben doch nicht so einfach verkraftet. Ich habe dann verschiedene Versuche unternommen, von diesem immer stärker werdenden Drang nach Männern loszukommen. Spirituelle Zeit im Kloster, selbst auferlegter Verzicht etc. Es war, wie bei Diäten, meistens kommt es danach noch "dicker". Vor fünf Jahren stand ich vor meiner eigenen menschlichen "Bankrotterklärung" mir gegenüber, da ich meine hoch gehaltenen und den Kindern vermittelte Werte selbst nicht mehr eingehalten habe. Ich habe nicht mehr gewußt, wie ich aus dieser Situation herauskommen sollte. Beruflich stand ich in der Öffentlichkeit und unsere Familie galt als "Traumfamilie". In dieser Situation lernte ich dann einen jungen, auch verheirateten, Mann kennen, mit dem ich mich dann öfter traf und mit dem ich mich sehr gut verstand. Ich spürte erstmals wieder eine gewisse innere Ruhe nach unseren Treffen. Das spürte auch meine Frau und ich eröffnete ihr immer mehr von meinem Freund. Unsere Beziehung wurde wieder deutlich harmonischer. Es gab aber noch keine beidseitige Perspektive für die Zukunft. Da hat uns dann eine mehrmonatige Begleitung einer für uns beide optimal passenden Paarberaterin der Familienberatung sehr viel geholfen. Sie hat uns keine Ratschläge oder Anleitungen gegeben, sondern uns durch gezielte Fragen die Antworten auf unsere Fragen und Herausforderungen selbst finden lassen. Dadurch haben wir unsere Ehe und auch die Sexualität wieder neu beleben können und es war mir möglich, auch meine zweite Seite in gewissem Umfang leben zu können.
Das ist unser Weg, der unseren Idealvorstellungen am nächsten kommt, aber auch viel Disziplin und Kompromisse erfordert und trotz allem auch gelegentlich schmerzvoll ist. Aus vielen Lebensgeschichten hier im Forum und einigen Austausch-Kontakten mit Männern dazu entnehme ich aber, dass meistens eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung, die Einstufung in schwul oder nicht schwul, gesucht wird. Das kann auch jeder nur aus seiner Situation heraus entscheiden, denn jede Beziehung, jede Situation ist viel komplexer, als dass man sie hier vollständig wiedergeben könnte. Und jeder fühlt anders, so dass Situationen nie kopiert werden können.
Du stehst also mit deiner Entscheidung letztendlich doch allein. Du kannst lediglich deine Entscheidung durch Abwägungen, die du aus den Erfahrungsberichten hier liest, vielleicht etwas überlegter treffen.
Meine absolut wertvolle Erfahrung, die ich gerne weitergebe, ist die, dass bei Gesprächen, die unter Partnern sehr emotional belastet sein können, eine gute Moderation eines außenstehenden Dritten sehr wertvoll sein kann.
Und nun wünsche ich dir und den anderen, die hier in den letzten Tagen mit ähnlichen Fragen und Situationen hier geschrieben haben, alles Gute, Perspektiven für die Zukunft und das Quäntchen Glück/Fügung, das/die manchmal einfach auch im Spiel ist. Das Leben ist wirklich bunt und vielfältiger, als nur schwarz und weiß.
Re: Wie sich öffnen gegenüber seiner Ehefrau?
07. März 2025 21:47
Hallo zusammen,

Bi-Senior, danke für deine Rückmeldung. Ich möchte die Gelegenheit nutzen um ein kurzes Update zu geben.

Ich habe mich meiner Frau nicht anvertraut und habe dieses Vorhaben auch erst einmal in die ferne Zukunft verschoben. Wichtig ist mir im Moment, dass wir als Familie zusammenhalten. Mir ist klar geworden, dass in meinem Fall jeder Schritt zu mehr Offenheit gegenüber meiner Frau bezüglich meiner sexuellen Identität bei ihr ein Gefühlschaos auslösen würde. Das würde unser Familienzusammenleben zerstören. Sie könnte mir diesen Vertrauensmissbrauch nicht einfach so verzeihen und weiter machen. Das bedeutet nicht, dass ich diesen Schritt nie gehen werde. Aber jetzt, wo die Kinder noch klein sind, braucht es Stabilität und eine familiäre Harmonie. Ich nehme mich da mit meinen Wünschen zurück.

Als ich damals den Post geschrieben habe, habe ich etwas entscheidendes nicht geschrieben. Der Auslöser aus den online Zwängen auszubrechen kam nicht aus heiterem Himmel, sondern passierte dadurch, dass ich mich online in einen Mann verliebt habe. Ab diesem Moment stand meine innere Welt Kopf: einerseits Freude über dieses intensive Gefühl, anderseits die Erkenntnis, dass mein bisheriges Leben auf einer Lüge basiert und ich nicht frei bin dieser neuen Liebe einfach so nachzugehen, wie ich es mir von ganzen Herzen wünschen würde. In dieser Anfangsphase, wo liebe wirklich blind macht, hätte ich vieles getan ohne auf meinen Verstand zu hören. Aber ich hatte das Glück, dass ich jemanden gefunden habe, der mir meine Verantwortung gegenüber meiner Familie nicht vergessen hat lassen. Auch wenn am Anfang eine starke gegenseitige sexuelle Anziehung zwischen uns herrschte, ist dieser Aspekt unserer Beziehung komplett in den Hintergrund getreten. Wir haben uns nicht getroffen und haben keine Dinge getan, die jeder verheiratete Person (ob nun homo- oder heterosexuell) nicht tun sollte. Ich bin dafür dankbar das Gefühl zu haben, keinen Ehebruch begangen zu haben. (Ich weiß, man kann mir vorhalten meine Frau schon seit vielen Jahren digital betrogen zu haben und dadurch Ehebruch begangen zu haben. So streng will ich aber nicht zu mir sein.)
Wir sind beste Freunde, die sich lieben. Das Gefühl nicht mehr allein zu sein hat mir wieder eine innere Ruhe gegeben und auch die Kraft meine Verantwortung als Familienvater wieder mit Freude wahrzunehmen.

Was ich als verheirateter Familienvater, der homosexuell ist und erst seit kurzem dazu steht, in den letzten Monaten gelernt habe, ist sich in Geduld zu üben, auch wenn es schwer fällt und man das Gefühl hat, es müsste alles jetzt auf einmal passieren. In dem ersten Moment des Gefühlschaos ist es kaum möglich die richtige Entscheidung zu treffen. So sehr ist man mit sich selbst beschäftigt und neigt zu Kurzschlussreaktionen. Erst mit einem gewissen Abstand überblickt man die Tragweite der einen oder der anderen Entscheidung.
Ich bin bewusst Vater geworden. Niemand hat mich dazu gezwungen. Für mich steht das Wohl meiner Kinder an erster Stelle. Darum ist mein Bestreben heute, die Familie zu erhalten. Die Zeit wird zeigen, ob sich für mich doch irgendwann ein Weg sich eröffnet mich gegenüber meiner Frau zu öffnen.
Re: Wie sich öffnen gegenüber seiner Ehefrau?
17. Juni 2025 21:01
Hallo zusammen,

ein Update. Meine Vorstellungen, die ich im März formuliert habe, haben sich drastisch verschoben. Ich habe irgendwo gelesen, ein spätes Coming-out ist, wie eine zweite Pubertät. Und ja, so fühlt es sich an! Und es ist echt anstrengend!
Ich wollte im März: für meine Familie da sein, warten bis die Kinder größer sind; sich selbst zurück nehmen.
Das hat nicht lange geklappt. Schnell habe ich spüren müssen, dass ich an dieser Situation kaputt gehe:
ich kann gegenüber meiner Frau nicht ehrlich sein;
ich muss ihr etwas vorspielen;
ich muss sie ständig auf Abstand halten, da ich ihre Nähe wegen dem schlechten Gewissen nicht ertrage;
ich muss Ihre Hilfe zurückzuweisen, obwohl sie nur merkt, dass es mir nicht gut geht und sie mir helfen will.
Meine Erkenntnis: Gehe ich daran kaputt, geht auch meine Familie kaputt und nichts ist gewonnen.
Darum habe ich akzeptiert, dass es keinen Weg zurück gibt. Aber es gibt einen Weg nach vorne. Die große Hoffnung, die ich habe, ist, dass meine Familie es übersteht, auch wenn sie anders aussehen und funktionieren wird. Aber ich glaube, dass die Liebe zu unseren Kindern uns beide eine Lösung finden lassen wird.
Darum werde ich ihr in den nächsten Monaten sagen, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle. Sie hat ein Recht auf die Wahrheit. Mir ist bewusst, sie wird in ein Gefühlschaos stürzen. Umso mehr bin ich jetzt bemüht, mich zu stabilisieren, um für die Kinder dazu sein, wenn es ihr durch mein Coming-out schlecht geht. Ich suche Möglichkeiten ihr ein Netz zu weben, damit sie nicht ins Bodenlose fällt. Meine Idee ist, dass mit Hilfe einer Paartherapie zu begleiten. Jemanden neutrales, der vielleicht ihr etwas Halt geben kann. Denn eines ist mir sicher, ich kann ihr in diesem Moment nicht mehr helfen, auch wenn ich es zu gerne tun würde, da ich der Grund sein werde, warum es ihr so schlecht gehen wird. Meine Hoffnung ist, dass am Ende dieses schmerzhaften Prozesses wir alle wieder glücklich sein können, eine glückliche "Familie" auch wenn unsere Ehe dann Geschichte ist.

Viele Grüße
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