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Nach zwei Coming Outs – sich mit der Vergangenheit aussöhnen?

geschrieben von Reisende 
Nach zwei Coming Outs – sich mit der Vergangenheit aussöhnen?
24. April 2025 22:46
Obwohl viele Geschichten hier eher den Anfang des Coming Outs beschreiben, will ich (37 J.) meine Geschichte trotzdem hier erzählen. Zuerst eine Trigger-Warnung: ich schreibe auch über sexuelle Themen, ich hoffe das ist ok. Wen dieses Thema evtl. zu sehr belastet, sollte vielleicht nicht weiter lesen. Außerdem hoffe ich, dass meine Coming-Out Erfahrungen nicht zu negativ klingen und ich niemanden abschrecke. Auch wenn es oft nicht leicht war, bereue ich meinen Weg überhaupt nicht. Ich glaube auch nicht, dass ich wirklich eine „andere Wahl“ hatte, die mich glücklich gemacht hätte. Der Text ist ziemlich lang geworden...

Ich hatte vor etwa 5 Jahren mein Coming Out als lesbische Frau, damals war ich 33 J. alt. Zu dem Zeitpunkt war ich in einer Beziehung mit einem Mann, wir wohnten zusammen und der nächste Schritt wäre die Gründung einer Familie gewesen. Auch vorher war ich in verschiedenen heterosexuellen, längeren Beziehungen gewesen. Rückblickend würde ich sagen, dass es eine ziemlich gute, vertrauensvolle, harmonische Beziehung war. Mit dem Haken, dass die Beziehung von meiner Seite eher freundschaftlich als romantisch war. Vor ca. 6 Jahren verliebte ich mich heftig in eine Arbeitskollegin, mit der ich auch darüber sprach. Sie sagte aber, sie habe kein Interesse an Frauen, s.d. im Anschluss unser Kontakt auch weniger wurde. Schließlich rang ich mich nach Monaten dazu durch mit meinem damaligen Partner über meine Gefühle für Frauen zu sprechen. Ich sagte ihm, dass ich mich mit Frauen „ausprobieren müsse“, um zu wissen, ob das etwas für mich sei. Für ihn war es nicht in Ordnung die Beziehung zu öffnen. Deswegen einigten wir uns zunächst auf eine „Pause“ um uns schließlich zu trennen. Da ich die alleinige Hauptmieterin der Wohnung war, blieb ich in der gemeinsamen Wohnung wohnen und er zog aus. Zum Glück konnte er sehr schnell eine neue Wohnung finden. Trotzdem habe ich deswegen immer noch ein schlechtes Gewissen. In dieser Zeit outete ich mich auch gegenüber meinen Freunden und in der Familie. Vor allem das Outing gegenüber meiner Familie war zunächst nicht einfach, da sich meine Eltern schon sehr auf Enkelkinder gefreut hatten. Natürlich gab es auch schon vor meinem 33. Lebensjahr Hinweise darauf, dass ich nicht heterosexuell war. Aber ich hatte es die meiste Zeit „ziemlich gut“ geschafft, dass ganze Thema zu verdrängen. Ich hatte immer eine Familie gewollt und deswegen war eine lesbische Beziehung früher für mich einfach keine Option. Erst die Ehe für Alle und eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz erlaubten es mir, überhaupt über diese Möglichkeit nachzudenken. Der stärkste Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte, war, dass die sexuelle Ebene in meinen heterosexuellen Beziehungen meistens nicht gut lief. Ich hatte wenig Spaß am Küssen oder Sex und daher wurde der Sex auch immer seltener. Zunächst hatte ich die Möglichkeit eine „späte Coming-Out Gruppe“ zu besuchen, was mir sehr half. Leider löste sich die Gruppe nach einiger Zeit aus organisatorischen Gründen auf.

In der Zwischenzeit hatte die Corona-Pandemie begonnen. Nach der Trennung meldete ich mich auf Dating-Apps an und lernte sehr schnell im ersten „Corona-Sommer“ meine erste Freundin kennen. Eigentlich wollte ich überhaupt erste Erfahrungen mit Frauen zu sammeln. Aber sie war eine sehr beeindruckende, leidenschaftliche Frau und wir verliebten uns und waren nach einigen Monaten in einer Beziehung. Ich wusste von Anfang an, dass wir sehr unterschiedlich waren (ich eher rational, vorsichtig „Akademikertyp“, sie eher emotional, impulsiv und eine „Macherin“). Ich wusste, dass eine Beziehung nicht leicht werden würde. Aber damals war mir das egal, ich war einfach verliebt. Ich hatte diese emotionale Intensität noch nie erlebt. Ich denke, ich war zum ersten Mal richtig verliebt. Ich hatte zwar schon früher für Männer geschwärmt, aber nicht so. Rückblickend würde ich sagen, dass ich wie „unter Drogen stand“. Ganz Klischee-haft war meine Freundin fast 10 Jahre älter als ich, seit ihrer Jugend lesbisch und schien mit diesen Themen sehr selbstbewusst umzugehen. Es entwickelte sich eine sehr leidenschaftliche Beziehung, die drei Jahre dauerte. Wir hatten sehr schöne, intime Phasen, zum Beispiel waren wir beide sehr gerne in der Natur sportlich aktiv. Leider nahm unsere Beziehung zunehmend toxische Züge an. Meine Freundin kritisierte mich immer häufiger, äußerte sich manchmal abwertend und hatte sehr genaue Vorstellungen, wie „die Dinge in ihrer Wohnung laufen sollten“. Wir stritten uns immer häufiger über Kleinigkeiten und auch sexuell lief es nicht gut. Außerdem hatte sie leider viele körperliche und einige psychische Beschwerden, die viel Raum einnahmen. Um fair zu sein, ich habe bestimmt auch ein paar körperliche und psychische Themen, aber bei ihr war irgendwie "immer was los". Sicherlich habe ich auch meinen Teil zu den Konflikten beigetragen. Ich steckte ja noch mitten in meinem Coming Out und war deswegen oft ängstlich und unsicher. Außerdem glaube ich, dass wir einfach sehr unterschiedlich waren: ich kam mit ihrer sehr direkten Art nicht klar und sie konnte mit meinem „verletzt sein und mich zurück ziehen“ nicht gut umgehen. Außerdem hatte ich zunehmend das Bedürfnis auch andere Frauen kennen zu lernen und „mich auszuprobieren“– sie war ja meine erste Freundin. Vermutlich spürte sie das und es verletzte und verunsicherte sie. Später habe ich im Internet viel über die erste lesbische Beziehung nach einem Coming Out gelesen. Es tauchte der Begriff „Catalyst-relationship“/ „Katalysator-Beziehung“ auf. Eine erste toxische Beziehung nach einem lesbischen Coming Out scheint leider relativ häufig zu sein. Aber es gibt auch genug Beispiele, wo es viel besser läuft. Nach drei Jahren Beziehung suchten wir uns schließlich Hilfe bei einer Paarberatung. Im Anschluss kam es zu einer ziemlich unschönen Trennung mit gegenseitigen Verletzungen, auf die ich hier nicht näher eingehen will. Meine Exfreundin rutschte ziemlich schnell in eine andere Beziehung. Ich blieb erstmal Single. Aktuell möchte ich wenig Kontakt zu ihr haben, da ich das Gefühl habe, dass mir der Kontakt nicht gut tut. Meistens geht es mir nach Kontakt schlecht und/ oder ich vermisse sie. Unser Kontakt ist auf das Nötigste beschränkt. In dem Roman „Das Archiv der Träume“ von Carmen Maria Machado habe ich einige Aspekte unserer Beziehung wieder erkannt. Auch wenn unsere Beziehung nie so gewaltvoll und extrem war, wie in dem Buch beschreiben. Trotzdem möchte ich diesen Roman dringend allen Personen empfehlen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden (und eigentlich allen lesbischen Personen, die in einer Beziehung sind). Ich will noch hinzufügen, dass ich teilweise auch dankbar für diese Beziehung bin. Meine Exfreundin war in manchen Dingen ein tolles Vorbild, v.a. wie man als queere Frau gut alleine leben und zurecht kommen kann. Außerdem habe ich mich durch diese Erfahrungen zum ersten Mal mit toxischen Beziehungen in meinem Leben beschäftigt und dadurch viel über mich und andere gelernt.

So, jetzt habe ich schon sehr viel geschrieben. Die Geschichte geht aber noch weiter smiling smiley, ich hoffe ich habe euch noch nicht alle abgehängt. Besonders nach der Trennung von meiner Exfreundin habe ich mich zunehmend mit dem Konzept „nichtbinär“ beschäftigt. Ich habe für dieses Thema immer noch keine guten Worte. Ich kann nur empfehlen, etwas zu dem Thema zu lesen oder es zu googlen. Da liest man, dass „nichtbinär“ eine Sammelbezeichnung ist, für Menschen, die sich nicht ausschließlich als weiblich oder männlich identifizieren.
In meinem Fall habe ich zunehmend meine feminine Kleidung aussortiert, mir die Haare kurz geschnitten und fühlte mich zunehmend unwohl mit der Bezeichnung Frau XY und den Pronomen „sie“. Ich denke aus verschiedenen Gründen nahm dieses Thema erst nach unserer Trennung richtig Raum ein. Zum einen wusste ich, dass meine Exfreundin eher auf feminine Frauen und lange Haare stand, das sagte sie auch öfter. Ich hatte einfach Angst sie zu verlieren, wenn ich diese Seite zu stark ausleben würde. Leider neige ich manchmal dazu, mich zu stark anzupassen. Außerdem war ich ja durch das „Auf- und Ab“ unserer Beziehung und die verschiedenen Beschwerden meiner Freundin sehr stark abgelenkt. Nach unserer Trennung folgte also ein zweites Coming Out gegenüber Freunden, Familie und am Arbeitsplatz, was ich als sehr anstrengend empfand. Aktuell denke ich über eine Änderung des Personenstand zu „divers“ und eine kleine Abänderung meines Vornamens nach. Ich würde sagen, ich stecke noch mitten in diesem Coming Out. Besonders die aktuelle politische Situation in Deutschland und in der Welt schüren leider starke Ängste bei mir. Außerdem tauchen bei diesem Thema bei mir viele Vorurteile und negative Überzeugungen auf. Obwohl ich inzwischen einige queere und lesbische Bekannte und auch Freunde habe, fehlen mir zum Thema „nichtbinär“ sein definitiv noch soziale Kontakte und Austausch. Ich weiß, dass das Konzept nichtbinär in der lesbischen Community teilweise ziemlich umstritten ist. Hätte ich in den 1980ern gelebt, hätte ich mich vielleicht einfach als "Butch-Lesbe" bezeichnet und damit wäre das Thema erledigt gewesen ;-). Aber ich lebe eben nicht in den 80ern und heute gibt es andere Gruppen und Selbstbeschreibungen und nichtbinär fühlt sich aktuell eben passender für mich an.

Um auch etwas Positives zu erwähnen: bezüglich „lesbisch sein“ bzw. „Frauen/ FLINTA-Personen zu lieben“ haben meine Ängste mit den Jahren deutlich abgenommen. Es fällt mir kaum noch schwer mich neuen Personen gegenüber zu outen, weder im beruflichen noch im privaten Kontext. Damit möchte ich allen Personen, die gerade mitten im homosexuellen Coming-Out stecken Hoffnung machen: es wird auf jeden Fall leichter mit der Zeit. Auch meine Familie hat sich über die Jahre hinweg ziemlich gut an meine sexuelle und geschlechtliche Orientierung gewöhnt und versucht diesbezüglich offen zu sein. Dafür bin ich sehr dankbar und ich weiß, dass das für die Generation und Herkunft meiner Eltern nicht selbstverständlich ist.

Warum schreibe ich euch jetzt? Ich glaube zum einen habe ich einfach das Bedürfnis meine Erfahrungen der letzten Jahre zu teilen. Es ist so viel passiert und ich bin „irgendwie nicht richtig hinterher gekommen“. Vielleicht helfen meine Erfahrungen ja auch anderen Personen, die sich gerade im Coming Out befinden.
Außerdem merke ich, dass es mir immer noch schwer fällt, mich mit meiner heterosexuellen Vergangenheit „auszusöhnen“. Es fällt mir besonders schwer zu akzeptieren, dass ich jahrelang in heterosexuellen Beziehungen war und Sex mit Männern hatte, obwohl mir rückblickend dieser intime Kontakt selten wirklich Spaß gemacht hat. Das habe ich mir damals natürlich nicht eingestanden. Aktuell habe ich gar kein Interesse mehr an Beziehungen oder Intimität mit Cis-Männern (bei Trans-Männern könnte das anders sein). Daher würde ich mich auch nicht als Bi-sexuell bezeichnen. Vielleicht hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und möchte sie mit mir teilen (auch in einer PM). Ich weiß, dass es ziemlich intime und persönliche Themen sind.
Außerdem komme ich mir rückblickend „falsch und verlogen“ vor. Auch wenn ich weiß, dass mir die heteronormative Welt lange nur diese Option gezeigt und erlaubt hat. Bei diesem Thema hilft es auch nicht, dass ich kaum Kontakt mit meinem Exfreund habe. Er hat inzwischen eine Familie mit einer anderen Frau gegründet und es geht ihm „scheinbar gut“. Ab und zu schreiben wir höfliche Nachrichten, aber ich glaube, er will keinen engeren Kontakt zu mir. Das kann ich einerseits natürlich verstehen, andererseits schmerzt es mich trotzdem. Wir hatten nie eine „richtige Aussprache“ mit ein bisschen Abstand zur Trennung und ich will ihn diesbezüglich auch nicht bedrängen. Auch zu diesem Thema würden mich eure Erfahrungen und Gedanken interessieren.



5-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.04.25 10:32.
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