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Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?

geschrieben von Ben79 
Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
18. August 2024 13:35
Hallo zusammen, ich bin sehr dankbar für dieses wunderbare Forum und die Gemeinschaft hier!

Ich bin 48 und seit meiner Pubertät finde ich mehr Männer als Frauen sexuell interessant. Ich habe das aber bis Anfang des Jahres nie ins reale Leben geholt und immer gedacht: Phantasien gibt es viele und man muss ja nicht alles tatsächlich ausprobieren. Mir war es immer der größte Herzenswunsch eine Familie mit Kind zu haben.

Als ich nach wenigen kürzeren und recht späten Beziehungen mit Frauen meine Frau 2002 kennenlernte, fand ich sie so anziehend, dass ich sicher war, die Frau meines Lebens gefunden zu haben. Relativ früh fragte sie mich mal, ob ich nicht vielleicht schwul sei, für sie würde an meinem Verhalten im Alltag (sie sprach da nicht von Sexuellem) manches darauf hindeuten. Das verneinte ich.

Wir haben dann bald geheiratet. In der ersten Zeit hatten wir insgesamt ein ziemlich erfülltes Sexleben, auch wenn sie sich nie auf erotische Entdeckungsreisen einlassen wollte (die mir aufgrund meiner überschaubaren Erfahrung wichtig gewesen wären) und mir schon früh gesagt hat, dass sie sich nicht dafür zuständig sieht "meine Bedürfnisse zu befriedigen". Dabei wollte ich nie etwas von ihr, was ihr nicht gefallen hätte (z. B. Blowjobs oder Analsex) und mir war es auch ganz wichtig, dass wir uns nie etwas vorspielen. Ich hatte aber schon damals auch mehr Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, Berührung oder Massagen als sie und dachte eigentlich, dass das kein Problem sein sollte, zumal ich ihr das auch gerne gab. Sie sagte mir aber, dass es sie schnell langweile wenn sie mich streichelt und war nie bereit, einen Gutschein für Massagen, den sie mir einmal geschenkt hatte, einzulösen. Sie hatte auch Hemmungen mir zu sagen, was ihr sexuell gefällt. Hinzu kamen bald Blasenentzündungen und es begann ab 2005 die "Kinderwunschzeit" mit vielen Hoffnungen und Enttäuschungen. 2008 ist ihre Mutter nach langer Krankheit gestorben, das hat zusätzlich sehr belastet. Ich hoffte 2009, dass sich der erotische Knoten auf einer Reise nach Bali wieder löst, aber das war leider nicht der Fall. Sex hatten wir schon damals nur noch selten.

Zeitweise habe ich dann Schwulenpornos angeschaut. Ich wollte keine Heteropornos anschauen, weil ich das für die Frauen ungut fand und auch meiner Frau gegenüber nicht richtig. Natürlich haben mich die Männer auch heiß gemacht. Ich habe das dann aber auch wieder gelassen, als ich gemerkt habe, dass mich das auf die Dauer eher runterzieht. Ein Seitensprung egal mit welchem Geschlecht kam für mich nicht in Frage.

2013 stand unsere Beziehung kurz vor dem Ende. Wir erfuhren von einem Love Retreat in der Schweiz und sind hingefahren voller Wut und Frust. Was dort in kürzester Zeit passierte, erlebte ich als ein Wunder: Wir beide hatten wieder Lust aufeinander und haben ganz neu und sehr intensiv zusammengefunden.

Das hat sich leider nicht lange im Alltag gehalten, die Kinderwunschbehandlungen taten ihr übriges. Ich war bald wieder emotional und sexuell ausgezehrt, hatte chronisch Magendrücken und konnte auch nichts dagegen tun, dass sich meine Frau noch weiter zurückzog und mir später erzählte, dass sie sich selbst nicht als vollwertige Frau sehen konnte, weil sie nicht schwanger wurde. Über die Jahre war fast immer ich derjenige, der Probleme offen ansprach und sie einlud Lösungen zu finden, mit wenig Erfolg, was mich oft frustriert und hilflos zurückließ. Bis heute haben wir die Schwierigkeit, mit unseren Bedürfnissen, Unterschieden und Eigenheiten kreativ und achtsam umzugehen und Wege zu finden, die für uns beide gut sind. Das gilt nicht nur für den sexuellen Bereich.

In letzter Minute kam 2016 unsere Tochter auf die Welt, ein wunderbares Kind. Ich hoffte danach sehr, dass sich meine Frau, die zunächst verständlicherweise total in ihrer ersehnten Mutterrolle aufging, nach ein paar Jahren wieder Zugang zu unserer Paarbeziehung finden würde. Aber das war nicht der Fall. Sie war damals auch schon Ende 40 und das Alter begann sich bemerkbar zu machen.

Als ich 2019 auch beruflich eine schwere Zeit hatte und ein Coaching-Gespräch nahm, sagte mir die Beraterin sofort, dass meine zentralen Probleme nicht im Beruflichen liegen und empfahl mir dringend eine Paartherapie. Dazu war meine Frau allerdings nicht bereit. Sie gestaltete ihren Alltag weiterhin so, dass nicht mehr Qualitätszeit für uns als Paar übrig blieb. Alle Initiativen von mir erlebte sie als Druck und ließ sie ins Leere laufen.
Natürlich konnte ich meinen Frust auch nicht komplett runterschlucken und völlig unbelastet auf sie zugehen.

Anfang 2024 konnte ich einfach nicht mehr. Mir wurde klar, dass ich etwas ändern musste. Deshalb sagte ich ihr: Ich lasse dich jetzt los. Ständig hinterherlaufen fühlt sich für uns beide nicht gut an und ändert nichts. Ich will dich nicht verlassen und sehe darin die letzte Chance, dass sich in den nächsten Monaten mit weniger Druck noch etwas zum Guten wendet.

Was ich ihr nicht sagte, war, dass ich mich bei Romeo anmeldete und bald darauf die ersten Dates hatte. Ich hatte mich so entschieden, weil ich Dates mit Frauen als Fremdgehen betrachtet hätte und auch, weil ich endlich wissen wollte, was an meinen Phantasien tatsächlich dran ist. Ich fand schnell gute F+, blühte auf, das Magendrücken verschwand. Freunde und Bekannte bemerkten meine gute Laune...

Meine Frau war nach einiger Zeit bereit für eine Paartherapie und änderte auch sonst ein paar Dinge an ihrer Lebensweise, ernährte sich gesünder und versuchte bei Einladungen pünktlich zu sein, was vorher oft Konfliktthemen waren. Ich beobachtete das sehr überrascht und immer optimistischer. In einem der seltenen Gespräche, in denen sie offener über sich sprach, hat sie bedauert, dass sie vieles so lange verdrängt hatte und seit zehn Jahren nicht die Kraft gefunden hat von sich aus initiativ zu werden um unsere Beziehung auf neue Füße zu stellen. Im Juni sagte mir meine Frau, dass sie eine Affäre mit einer Frau vermute. Daraufhin folgte ein schrittweises Coming Out ihr gegenüber und im engsten Familienkreis. Sie reagierte sehr verletzt ("du hast unsere Familie zerstört", "du hast mich die ganze Zeit belogen", "jetzt weiß ich endlich, warum ich so wenig Lust auf dich hatte"...) und zog sich noch weiter zurück.

Wir haben uns noch nicht getrennt, gehen uns weiterhin viel auf die Nerven, verbringen den Urlaub weitgehend getrennt. Sie braucht Zeit um für sich alles zu sortieren, was ich auch verstehen kann. Eine offene Beziehung kommt für sie generell nicht in Frage und auch ich denke nicht, dass so etwas gehen kann, zumal wenn das Vertrauen fehlt und andere Paarebenen auch so schwach sind wie bei uns. Ich habe mein Dating vorübergehend unterbrochen, was mir extrem schwer fällt und habe auch keine Geduld mehr, länger auf Sex zu verzichten.

Was denkt ihr aus der Ferne:

Welche Anteile an dieser ganzen Entwicklung liegen wahrscheinlich bei mir und der lange so verdrängten Bisexualität? (Nicht im Sinne von Schuld, sondern um zu verstehen.)

Gibt es für mich eine Perspektive für eine erfüllte heterosexuell-monogame Paarbeziehung (mit meiner Frau oder einer anderen) ohne Magendrücken?

Ich freue mich auf eure Erfahrungen!



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 18.08.24 15:00.
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
21. August 2024 20:15
Lieber Ben,
ich denke ehrlich gesagt kaum, dass diese beiden Themen direkt miteinander zusammenhängen. Vielmehr nehme ich ein krampfhaftes Warten auf den - verzeih mir bitte diese direkten Worte - „Tag, der nicht kommt“ wahr.

Mach nicht den Fehler und mache jetzt deine eigenen Herausforderungen als Ursache dafür verantwortlich. Der Anteil, den sie daran haben, ist mit Sicherheit viel geringer.

Und zu deiner 2. Frage: natürlich gibt es die. Aber nur dann, wenn deine Partnerin bereit ist, deine Bisexualität voll zu akzeptieren und Lösungen gemeinsam zu finden, wie diese stattfinden kann/darf.

Auch wenn ich die Sichtweise deiner Frau nicht kenne, aber warum soll es JETZT funktionieren, wenn schon DAVOR nichts funktioniert hat?! Das ist doch nichts anderes als Quälerei, die du dir da antust.
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
21. August 2024 23:05
Lieber Piwi,

vielen Dank für deine Einschätzung und deine klaren Worte. Das bestätigt mich sehr auf meinem aktuellen Weg des Loslassens.

In einem Punkt bin ich noch etwas ratlos. Du schreibst "Und zu deiner 2. Frage: natürlich gibt es die [erfüllte heterosexuell-monogame Beziehung]. Aber nur dann, wenn deine Partnerin bereit ist, deine Bisexualität voll zu akzeptieren und Lösungen gemeinsam zu finden, wie diese stattfinden kann/darf."

Wie könnten solche Lösungen aussehen (egal mit welcher Partnerin), in der Bisexualität stattfinden darf? Monogamie schließt ja anderweitige Kontakte aus... (Ich gebe diese Frage auch gerne an alle im Forum weiter.)

LG

Ben
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
23. August 2024 23:27
Hi Ben,
erst einmal sorry, dass ich, jetzt, wo ich das ganze nochmal lese, doch recht harsch reagiert hatte. Das hätte ich auch einfühlsamer schreiben können. Ich glaube aber tatsächlich, dass ein Loslassen in einer solchen Beziehung für beide Seiten, vor allem aber für dich selbst, die beste Lösung ist. Die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen, ist einfach zu groß. Speziell dann, wenn sich in dir das Thema der Identität losgebrochen hat. Gerade dann ist diese Gefahr groß, wenngleich ein Zurück von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Zu Deiner 2. Frage: es gibt hier meines Erachtens keine eindeutigen, klaren Lösungen. Vielmehr ist der erste Schritt, die Akzeptanz der Situation von beiden Seiten. Das alleine ist schon ein sehr großer Schritt in einer Partnerschaft. Es gibt so viele Klischees um das Thema Bisexualität und dazu kommt dann ja auch noch die eigene Unsicherheit, was das jetzt eigentlich für einen selbst bedeutet.

Erst auf dieser Basis kann man nach meiner Meinung aufbauen, einen Rahmen zu definieren. Und der kann und wird in jeder Beziehung anders aussehen. Mach aber nicht den Fehler und versuche in den klassischen Schubladen zu denken. Monogamie ist hier fast ein Killer-Begriff. Es geht doch hier nicht darum, mit möglichst vielen Menschen jeden Geschlechts Sex zu haben. Sondern, wie du deine Identität in einer Weise leben kannst, die auch die Partnerschaft NICHT in Frage stellt. Romeo ist voll von verzweifelten, bisexuellen Männern, die sich nichts anderes wünschen als das: sie selbst sein zu dürfen und trotzdem eine verbindliche Partnerschaft führen zu können.

Wie das gelingt, kann nur jedes Paar für sich selbst herausfinden. Mach dich frei von diesen ganzen Schubladen und Labeln. Das hilft überhaupt nicht. Wichtig ist, diesen Weg gemeinsam zu gehen.



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 23.08.24 23:37.
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
24. August 2024 10:11
Hi Piwi,

vielen Dank für deine Antwort. Alles gut, bin ein Fan von klaren Worten. Ja, außerhalb von Schubladen denken ist wahrscheinlich der einzige Weg, auch wenn ich ehrlich gesagt noch keine Ahnung habe, was dann ein konkretes Zielszenario sein könnte. Obwohl ich in anderen Themen durchaus Routine darin habe Out of the Box zu denken und zu handeln...

Dazu brauche ich auf jeden Fall die richtige Partnerin und eine Beziehung, die auch auf anderen wesentlichen Ebenen stabil trägt.
Bei mir stehen die Zeichen gerade alle auf Ablösung...

Danke nochmal, LG!
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
03. September 2024 16:41
Hallo Ben,

vielleicht kann dir das Buch "Bi" von Dr. Julia Shaw einige Anregungen oder Antworten geben.

viele Grüße
Tom
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
20. September 2024 00:03
Danke für den Tipp! Hab's vor ein paar Wochen schon empfohlen bekommen und gelesen. Ich finde es stehen schon hilfreiche Sachen drin, hab mir aber noch etwas mehr davon erhofft. LG
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
22. September 2024 09:12
Wow… bist du etwa mein Doppelgänger? Du sprichst mir aus der Seele.

Übrigens, ich heiße auch Ben und vermute, dass du wie ich 1979 geboren wurdest. Seit 2003 bin ich verheiratet und habe drei Kinder. Es gab immer wieder Phasen der sexuellen Unterdrückung mit vielen Höhen und Tiefen. Seit Anfang September leben meine Frau und ich zwar getrennt, aber noch im gleichen Haushalt, mit viel Verständnis und Respekt füreinander. Sie hat seit Juni 2024 einen Freund und ist "leider" fremdgegangen, doch ironischerweise hat mich das befreit. Dafür bin ich ihr sogar dankbar.

Wir haben so viele Gemeinsamkeiten, und falls das für dich nicht zu viel wäre, würde ich mich sehr gerne mit dir austauschen. Ich habe auch Erfahrung mit Romeo, aktuell suche ich dort aber nur tiefgründige Gespräche.

Wow… deine Geschichte hat mich so inspiriert, auch wenn ich weiß, dass es alles andere als einfach war.

Liebe Grüße,
Ben
Re: Wie wirkt sich verdrängte Bisexualität auf die Paarbeziehung aus?
22. September 2024 18:27
[iSie hat seit Juni 2024 einen Freund und ist "leider" fremdgegangen, doch ironischerweise hat mich das befreit. Dafür bin ich ihr sogar dankbar.i]

Hallo Ben, so habe ich das auch damals gesehen als meine damalige Frau, in meinem Fall "bekannt gegangen ist". Ich konnte somit meine Frau in gute Hände geben um sich endlich um mich zu kümmern.

Interessant, wie sich unsere Geschichten an der ein oder anderen Stelle ähneln.

GlG maks
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