Hallo zusammen, ich bin sehr dankbar für dieses wunderbare Forum und die Gemeinschaft hier!
Ich bin 48 und seit meiner Pubertät finde ich mehr Männer als Frauen sexuell interessant. Ich habe das aber bis Anfang des Jahres nie ins reale Leben geholt und immer gedacht: Phantasien gibt es viele und man muss ja nicht alles tatsächlich ausprobieren. Mir war es immer der größte Herzenswunsch eine Familie mit Kind zu haben.
Als ich nach wenigen kürzeren und recht späten Beziehungen mit Frauen meine Frau 2002 kennenlernte, fand ich sie so anziehend, dass ich sicher war, die Frau meines Lebens gefunden zu haben. Relativ früh fragte sie mich mal, ob ich nicht vielleicht schwul sei, für sie würde an meinem Verhalten im Alltag (sie sprach da nicht von Sexuellem) manches darauf hindeuten. Das verneinte ich.
Wir haben dann bald geheiratet. In der ersten Zeit hatten wir insgesamt ein ziemlich erfülltes Sexleben, auch wenn sie sich nie auf erotische Entdeckungsreisen einlassen wollte (die mir aufgrund meiner überschaubaren Erfahrung wichtig gewesen wären) und mir schon früh gesagt hat, dass sie sich nicht dafür zuständig sieht "meine Bedürfnisse zu befriedigen". Dabei wollte ich nie etwas von ihr, was ihr nicht gefallen hätte (z. B. Blowjobs oder Analsex) und mir war es auch ganz wichtig, dass wir uns nie etwas vorspielen. Ich hatte aber schon damals auch mehr Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, Berührung oder Massagen als sie und dachte eigentlich, dass das kein Problem sein sollte, zumal ich ihr das auch gerne gab. Sie sagte mir aber, dass es sie schnell langweile wenn sie mich streichelt und war nie bereit, einen Gutschein für Massagen, den sie mir einmal geschenkt hatte, einzulösen. Sie hatte auch Hemmungen mir zu sagen, was ihr sexuell gefällt. Hinzu kamen bald Blasenentzündungen und es begann ab 2005 die "Kinderwunschzeit" mit vielen Hoffnungen und Enttäuschungen. 2008 ist ihre Mutter nach langer Krankheit gestorben, das hat zusätzlich sehr belastet. Ich hoffte 2009, dass sich der erotische Knoten auf einer Reise nach Bali wieder löst, aber das war leider nicht der Fall. Sex hatten wir schon damals nur noch selten.
Zeitweise habe ich dann Schwulenpornos angeschaut. Ich wollte keine Heteropornos anschauen, weil ich das für die Frauen ungut fand und auch meiner Frau gegenüber nicht richtig. Natürlich haben mich die Männer auch heiß gemacht. Ich habe das dann aber auch wieder gelassen, als ich gemerkt habe, dass mich das auf die Dauer eher runterzieht. Ein Seitensprung egal mit welchem Geschlecht kam für mich nicht in Frage.
2013 stand unsere Beziehung kurz vor dem Ende. Wir erfuhren von einem Love Retreat in der Schweiz und sind hingefahren voller Wut und Frust. Was dort in kürzester Zeit passierte, erlebte ich als ein Wunder: Wir beide hatten wieder Lust aufeinander und haben ganz neu und sehr intensiv zusammengefunden.
Das hat sich leider nicht lange im Alltag gehalten, die Kinderwunschbehandlungen taten ihr übriges. Ich war bald wieder emotional und sexuell ausgezehrt, hatte chronisch Magendrücken und konnte auch nichts dagegen tun, dass sich meine Frau noch weiter zurückzog und mir später erzählte, dass sie sich selbst nicht als vollwertige Frau sehen konnte, weil sie nicht schwanger wurde. Über die Jahre war fast immer ich derjenige, der Probleme offen ansprach und sie einlud Lösungen zu finden, mit wenig Erfolg, was mich oft frustriert und hilflos zurückließ. Bis heute haben wir die Schwierigkeit, mit unseren Bedürfnissen, Unterschieden und Eigenheiten kreativ und achtsam umzugehen und Wege zu finden, die für uns beide gut sind. Das gilt nicht nur für den sexuellen Bereich.
In letzter Minute kam 2016 unsere Tochter auf die Welt, ein wunderbares Kind. Ich hoffte danach sehr, dass sich meine Frau, die zunächst verständlicherweise total in ihrer ersehnten Mutterrolle aufging, nach ein paar Jahren wieder Zugang zu unserer Paarbeziehung finden würde. Aber das war nicht der Fall. Sie war damals auch schon Ende 40 und das Alter begann sich bemerkbar zu machen.
Als ich 2019 auch beruflich eine schwere Zeit hatte und ein Coaching-Gespräch nahm, sagte mir die Beraterin sofort, dass meine zentralen Probleme nicht im Beruflichen liegen und empfahl mir dringend eine Paartherapie. Dazu war meine Frau allerdings nicht bereit. Sie gestaltete ihren Alltag weiterhin so, dass nicht mehr Qualitätszeit für uns als Paar übrig blieb. Alle Initiativen von mir erlebte sie als Druck und ließ sie ins Leere laufen.
Natürlich konnte ich meinen Frust auch nicht komplett runterschlucken und völlig unbelastet auf sie zugehen.
Anfang 2024 konnte ich einfach nicht mehr. Mir wurde klar, dass ich etwas ändern musste. Deshalb sagte ich ihr: Ich lasse dich jetzt los. Ständig hinterherlaufen fühlt sich für uns beide nicht gut an und ändert nichts. Ich will dich nicht verlassen und sehe darin die letzte Chance, dass sich in den nächsten Monaten mit weniger Druck noch etwas zum Guten wendet.
Was ich ihr nicht sagte, war, dass ich mich bei Romeo anmeldete und bald darauf die ersten Dates hatte. Ich hatte mich so entschieden, weil ich Dates mit Frauen als Fremdgehen betrachtet hätte und auch, weil ich endlich wissen wollte, was an meinen Phantasien tatsächlich dran ist. Ich fand schnell gute F+, blühte auf, das Magendrücken verschwand. Freunde und Bekannte bemerkten meine gute Laune...
Meine Frau war nach einiger Zeit bereit für eine Paartherapie und änderte auch sonst ein paar Dinge an ihrer Lebensweise, ernährte sich gesünder und versuchte bei Einladungen pünktlich zu sein, was vorher oft Konfliktthemen waren. Ich beobachtete das sehr überrascht und immer optimistischer. In einem der seltenen Gespräche, in denen sie offener über sich sprach, hat sie bedauert, dass sie vieles so lange verdrängt hatte und seit zehn Jahren nicht die Kraft gefunden hat von sich aus initiativ zu werden um unsere Beziehung auf neue Füße zu stellen. Im Juni sagte mir meine Frau, dass sie eine Affäre mit einer Frau vermute. Daraufhin folgte ein schrittweises Coming Out ihr gegenüber und im engsten Familienkreis. Sie reagierte sehr verletzt ("du hast unsere Familie zerstört", "du hast mich die ganze Zeit belogen", "jetzt weiß ich endlich, warum ich so wenig Lust auf dich hatte"...) und zog sich noch weiter zurück.
Wir haben uns noch nicht getrennt, gehen uns weiterhin viel auf die Nerven, verbringen den Urlaub weitgehend getrennt. Sie braucht Zeit um für sich alles zu sortieren, was ich auch verstehen kann. Eine offene Beziehung kommt für sie generell nicht in Frage und auch ich denke nicht, dass so etwas gehen kann, zumal wenn das Vertrauen fehlt und andere Paarebenen auch so schwach sind wie bei uns. Ich habe mein Dating vorübergehend unterbrochen, was mir extrem schwer fällt und habe auch keine Geduld mehr, länger auf Sex zu verzichten.
Was denkt ihr aus der Ferne:
Welche Anteile an dieser ganzen Entwicklung liegen wahrscheinlich bei mir und der lange so verdrängten Bisexualität? (Nicht im Sinne von Schuld, sondern um zu verstehen.)
Gibt es für mich eine Perspektive für eine erfüllte heterosexuell-monogame Paarbeziehung (mit meiner Frau oder einer anderen) ohne Magendrücken?
Ich freue mich auf eure Erfahrungen!
2-mal bearbeitet. Zuletzt am 18.08.24 15:00.