Hallo FS,
Ich kann deine Gefühle gut verstehen, nachdem du dir eingestehen "musstest", anders zu sein, als dein ideales Rollenbild es vorgegeben hat. Ich nehme aber auch aus deinen Äußerungen wahr, dass du dir da einen zerreißenden, aber meines Erachtens, unnötigen Zwang auferlegst, indem du die Welt in hetero und schwul aufteilst, dich einer Seite zuzuordnen zu müssen meinst und du mit dieser Seite einfach nicht klar kommst.
Wer zwingt dich aber denn dazu, nun nur noch auf Männer fixiert zu sein? Wer zwingt dich dazu, nun mit deiner Verlobten zu brechen? Wer zwingt dich dazu, nun aller Welt zu offenbaren, dass du sexuell nicht der Masse entsprichst? Wer sagt, dass es abnormal ist, wenn man zu einem kleineren Bevölkerungsteil gehört, als die Mehrheit? (Wenn man die Einteilung mal unsinnigerweise nur nach der sexuellen Orientierung vornimmt)
Kannst du dir vorstellen, dass du sexuell sowohl eine Hetero-, wie auch eine schwule Seite hast, dass du nicht die eine Seite gegen die andere ersetzen musst?
Kann es vielleicht sein, dass dein Ich aus zwei Seiten besteht, dass du nur vollkommen bist, wenn beide Seiten sich entfalten können?
Ich habe seit 50 Jahren sexuelle Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht und 41 Jahre mit dem weiblichen, nämlich mit meiner Frau, mit der ich nun 40 Jahre verheiratet bin. Nur mit ihr konnte und kann ich mir ein gemeinsames Leben vorstellen. Aber ich habe ihr auch von Anfang an über meine zweite Seite erzählt und ich meine, unsere Ehe, natürlich auch mit schönen und herausfordernden Situationen, war erfüllter, lebendiger und anspruchsvoller, als so manche "einseitige" Ehe. Es gab keinen anderen Menschen, mit dem ich so harmoniert habe, wie meine Frau.
Es gab mit ihrem Verständnis für meine Situation während unserer Ehe auch die "Pflege" meiner zweiten Seite und seit gut vier Jahren geschieht das mit nur noch einem festen jungen Partner, der mir sehr viel Ruhe in mein Leben gebracht hat. Auch er ist verheiratet und kann sich kein "schwules Leben" vorstellen, genießt aber auch das gelegentliche Zusammensein mit mir.
Er ist auch meiner Frau sympathisch und gelegentlich unternehmen wir freizeitmäßig auch mal was zusammen. Die Sexualität bleibt aber vollkommen getrennt. Das braucht ansonsten aber auch niemand anderes zu wissen, bisher nicht einmal unsere Kinder. Denn wir leben unser Leben als Ehepaar, wir sind glücklich und strahlen nach außen dieses Glück wohl auch aus, worauf wir oft angesprochen werden. Jede Entscheidung, ob für die eine oder die andere Seite hätte dieses Glück zerstört.
Du erlebst doch mit deiner Verlobten anscheinend auch dieses Glück.
Deine Verlobte weiß über deine Neigungen zu Männern Bescheid. Das ist doch schon einmal ein vertrauensvoller Umgang. Wie steht sie dazu? Stellt sie dich vor eine Entscheidung, eine Wahl?
Gibt es ein fixiiertes Muster für eure Lebensgestaltung oder seid ihr da offen, auch unkonventionelle Wege zu probieren? Meinst du, damit könnten sich auch so manche psychischen Belastungen lösen?
Wenn es dir möglich ist, dich selbst auch so zu lieben, wie du dich nun erfahren hast, wenn du das Anderssein nicht nur als Belastung und Unglück siehst, kannst auch du so wie du bist viel Glück erleben.
Überstürze nichts, lass das Ganze mal sacken, suche die Nähe zu vertrauenswürdigen Personen in deinem engsten Umfeld und vertraue darauf, dass es im Leben auch Fügungen geben kann, von denen man im Traum nicht geglaubt hätte.
Ich wünsche dir und deiner Verlobten alles Gute und vertrauensvolle Gespräche.
Liebe Grüße
Tom