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Völlig am Boden zerstört

geschrieben von FS 
Völlig am Boden zerstört
09. August 2024 09:32
Hallo zusammen,

ich muss mir mal von der Seele schreiben.

Ich bin seit 2 Monaten völlig kaputt. Ich bin 30 Jahr alt und seid vier Jahren in einer glücklichen Beziehung mit einer Frau - der Liebe meines Lebens. Seit einem Jahr auch verlobt.

Vor zwei Monaten nun habe ich realisiert dass ich höchstwahrscheinlich schwul bin. Ich habe über die Jahre immer Schwulen Pornos angeschaut und mich leider auch getroffen. Mir war das aber irgendwie nie so richtig bewusst, ich habe es völlig verdrängt und verleugnet. Ich bin selbst immernoch erschrocken über meine Taten. Ich hatte das immer völlig abgekapselt. Die letzten Monate bevor ich Anfang Juni wegen Panikattackenin die psychiatrische Klinik deswegen gwgang bin habe ich erstmals über mich „nachgeforscht“ und ohne Verleugnung mein wahres Ich entdeckt. Ich habe all die Jahre immer andere Probleme gehabt über die ich grübeln konnte, habe mit meinem besten Kumpel immer über heiße Frauen gesprochen, habe allen etwas vorgemacht. Freund habe ich eigentlich nur diesen einen und er wohnt weit weg und ich sehe ihn kaum. Ich war wegen unwichtiger Kleinigkeiten immer total gestresst, habe mich schnell angegriffen gefühlt und keine Kritik vertragen. Vermutlich weil ich mich schon immer unterbewusst ablehnte.

Mit der Tatsache dass ich schwul sein könnte (will es immernoch nicht wahrhaben) kann ich nicht Leben. Mein Sinn bestand immer darin eine tolle Frau zu finden und eine Familie zu gründen. Alles andere als ein Hetero Leben kommt nicht in frage. Meine Freundin weiß auch Bescheid und steht noch zu mir. Dennoch habe ich das Gefühl mich von ihr trennen zu müssen. Dieser Gedanke zerreißt mir das Herz, da sie mein Herzensmensch ist. Seid vier Jahren nahezu täglich Kontakt und dann soll ich mich von meiner einzigen richtigen Bezugsperson trennen?! Ich geh kaputt. Ich sehe für mich keine Zukunft. Auch das Gefühl alle immer belogen zu haben macht mich kaputt. Seit zwei Monaten bin ich wie ein Zombie. Zu nichts mehr fähig. Nur noch dieses Thema pausenlos im Kopf.

Mein Lebensplan zerschellt an der Wand. Ich weiß nicht mehr weiter. Was sollen die Leute über mich denken wenn ich plötzlich schwul bin. Das Leben wird dann nur noch eine einzige Anstrengung.

Wer kann mir helfen?


Danke für eure Antworten!
Re: Völlig am Boden zerstört
09. August 2024 17:07
Hallo FS,
ich kann es fast spüren. Die (deine) Zerrissenheit. Wie kann das nur sein. Obwohl du ja schon "Erfahrungen" gesammelt hast. Schulenpornos und auch auch Treffen mit Männern. War das vor der Zeit, als Du mit deiner Verlobten zusammen gekommen bist? Welche "Ausreden" hast Du erfunden, dass das nicht schwul wäre?
Ich kann mich an die Zeit, als ich auch gerade Anfang 30 war, erinnern. Schwulenzeitschriften gelesen und geglaubt, das es nur für meine innerliche Berfriedung reichen würde. Sogar habe ich geglaubt, dass danach der SEX mit meiner Frau besser würde. Heteropornos und Hetero-Porno-Zeitschriften haben mich abgeschreckt. "So was kann man doch mit einer Frau nicht machen. Erst Jahr später durfe ich es erleben, das es mit einem Mann viel schöner und entspannter sein kann, so zu sein wie ich bin.
Im Nachhinein habe ich so viele Ereignisse in der Vergangenheit entdeckt, wo mir das Schicksal immer wieder gezeigt hat, das ich schwul bin. Habe die Zeichen nur nicht wargenommen.

Immerhin weis deine Frau bescheid. So könnt ihr gemeinam überlegen wie es weiter gehen kann. Es gibt so viele unterschiedliche Lebensweisen, die ihr finden dürft. Die nicht so den üblichen Klischee entsprechen. Die auch dein bisheriges Lebensziel komplett auf den Kopf stellen darf.

Die Erkenntniss das du höchstwarscheinlich schwul bist, ist ja erst 2 Monate her. Dein inneres Ich weis es im Grunde schon immer. Geduld ist nun gefragt, dieses alles zu realisieren. Es bracht seine Zeit - deine Zeit.

Immerhin hast Du den Weg hier zu uns gefunden. Wir haben alle länger gebraucht um zu uns zu stehen.
Lese Dir mal die eine oder andere Geschichte hier im Forum durch, und die wirst dich wiedererkennen.

Wenn Du magst, antworte ruhig auf die jeiweilgen Geschichten. Das hat mir früher sehr viel gebracht, um mich selbst zu finden.

Du bist auf jeden Fall nicht allein.

GLG Maks
Re: Völlig am Boden zerstört
09. August 2024 18:44
Vielen Dank für die ausführliche Nachricht. Diese zwei Monate fühlen sich wie Jahre an. Nun fallen mir auch die verschiedensten Ereignisse ein, bei denen ich vertuscht habe. Ja leider fanden die Treffen auch während der Beziehung statt und mehrmals die Woche Porno schauen statt. Nicht nur alleine die Pornos sondern auch Chats zur Erregung.
Mir tut das meiner Verlobten gegenüber so unendlich leid, da das Thema jetzt meine komplette Person einnimmt. Vorher war es wie abgekapselt in eine andere Person. Selbst meine Psychologin, zu der ich schon viele Jahre gehe, der ich es jetzt gebeichtet habe, hat niemals etwas geahnt, obwohl sie meinte sie könne so etwas spüren. Sie spricht von einem Phänomen.

Mir ist nur ein Rätsel, das mir das alles nicht früher bewusst wurde?! Wahrscheinlich waren meine ganzen Gedanklichen Zwänge die Symptomatik des Ganzen.
Es ist zum Verzweifeln. Bis vor zwei Monaten habe ich mich als Herero empfunden und jetzt ist alles anders. Ich habe das Gefühl mein ganzes bisheriges Leben, Job ist alles eine Lüge.

Ich werde demnächst für 6 Wochen in eine psychotherapeutische Klinik mit Fokus auf Gesprächen gehen.
Ich sehe leider wirklich keinen vernünftigen Sinn mehr für mein Leben.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 09.08.24 18:44.
Re: Völlig am Boden zerstört
12. August 2024 15:11
Hallo FS,

Ich kann deine Gefühle gut verstehen, nachdem du dir eingestehen "musstest", anders zu sein, als dein ideales Rollenbild es vorgegeben hat. Ich nehme aber auch aus deinen Äußerungen wahr, dass du dir da einen zerreißenden, aber meines Erachtens, unnötigen Zwang auferlegst, indem du die Welt in hetero und schwul aufteilst, dich einer Seite zuzuordnen zu müssen meinst und du mit dieser Seite einfach nicht klar kommst.
Wer zwingt dich aber denn dazu, nun nur noch auf Männer fixiert zu sein? Wer zwingt dich dazu, nun mit deiner Verlobten zu brechen? Wer zwingt dich dazu, nun aller Welt zu offenbaren, dass du sexuell nicht der Masse entsprichst? Wer sagt, dass es abnormal ist, wenn man zu einem kleineren Bevölkerungsteil gehört, als die Mehrheit? (Wenn man die Einteilung mal unsinnigerweise nur nach der sexuellen Orientierung vornimmt)
Kannst du dir vorstellen, dass du sexuell sowohl eine Hetero-, wie auch eine schwule Seite hast, dass du nicht die eine Seite gegen die andere ersetzen musst?
Kann es vielleicht sein, dass dein Ich aus zwei Seiten besteht, dass du nur vollkommen bist, wenn beide Seiten sich entfalten können?
Ich habe seit 50 Jahren sexuelle Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht und 41 Jahre mit dem weiblichen, nämlich mit meiner Frau, mit der ich nun 40 Jahre verheiratet bin. Nur mit ihr konnte und kann ich mir ein gemeinsames Leben vorstellen. Aber ich habe ihr auch von Anfang an über meine zweite Seite erzählt und ich meine, unsere Ehe, natürlich auch mit schönen und herausfordernden Situationen, war erfüllter, lebendiger und anspruchsvoller, als so manche "einseitige" Ehe. Es gab keinen anderen Menschen, mit dem ich so harmoniert habe, wie meine Frau.
Es gab mit ihrem Verständnis für meine Situation während unserer Ehe auch die "Pflege" meiner zweiten Seite und seit gut vier Jahren geschieht das mit nur noch einem festen jungen Partner, der mir sehr viel Ruhe in mein Leben gebracht hat. Auch er ist verheiratet und kann sich kein "schwules Leben" vorstellen, genießt aber auch das gelegentliche Zusammensein mit mir.
Er ist auch meiner Frau sympathisch und gelegentlich unternehmen wir freizeitmäßig auch mal was zusammen. Die Sexualität bleibt aber vollkommen getrennt. Das braucht ansonsten aber auch niemand anderes zu wissen, bisher nicht einmal unsere Kinder. Denn wir leben unser Leben als Ehepaar, wir sind glücklich und strahlen nach außen dieses Glück wohl auch aus, worauf wir oft angesprochen werden. Jede Entscheidung, ob für die eine oder die andere Seite hätte dieses Glück zerstört.
Du erlebst doch mit deiner Verlobten anscheinend auch dieses Glück.
Deine Verlobte weiß über deine Neigungen zu Männern Bescheid. Das ist doch schon einmal ein vertrauensvoller Umgang. Wie steht sie dazu? Stellt sie dich vor eine Entscheidung, eine Wahl?
Gibt es ein fixiiertes Muster für eure Lebensgestaltung oder seid ihr da offen, auch unkonventionelle Wege zu probieren? Meinst du, damit könnten sich auch so manche psychischen Belastungen lösen?
Wenn es dir möglich ist, dich selbst auch so zu lieben, wie du dich nun erfahren hast, wenn du das Anderssein nicht nur als Belastung und Unglück siehst, kannst auch du so wie du bist viel Glück erleben.
Überstürze nichts, lass das Ganze mal sacken, suche die Nähe zu vertrauenswürdigen Personen in deinem engsten Umfeld und vertraue darauf, dass es im Leben auch Fügungen geben kann, von denen man im Traum nicht geglaubt hätte.
Ich wünsche dir und deiner Verlobten alles Gute und vertrauensvolle Gespräche.
Liebe Grüße
Tom
Re: Völlig am Boden zerstört
17. August 2024 09:16
Hallo FS!

Als ich auf dieses Forum gestoßen bin, war ich anfangs froh, gleichgesinnte und Menschen mit sehr ähnlichen emotionalen Vorgängen entdeckt zu haben.
Und dann liest man weiter und erfährt von vielen, dass sich (in vielen Fällen) alles gebessert hat. Und das ….

…. hat mir rein gar nichts gebracht. Es hat mich sogar noch mehr verzweifeln lassen. Denn all diejenigen waren bereits aus diesem Gefängnis aus Verwirrung, Zorn, Frust und auch Selbsthass draußen. Ihre neuen, schönen Erfahrungen waren überhaupt nicht greifbar. Es wirkte mal wieder so, dass scheinbar alle anderen zu ihrem Glück finden nur ich nicht. Ich bin weiterhin dazu verdammt ein Leben voller Scham, Selbstzweifel und Freudlosigkeit zu leben.
Und diese Phase ist nicht schönzureden. Wie gerne würde ich dir sagen, es kann alles gut werden, aber ich bin mir sicher, es kommt bei dir noch nicht an. Denn jetzt bist du in der mühevollen und angsteinflössenden Situation, dich selbst zu finden. Mein Gott, das ist die schlimmste Phase. Die Phase nach dem (inneren) Outing, wenn das Leben nicht nur Kopf steht sondern auch noch von einem Hurrikan zerfetzt und von einem Tsunami fortgespült wurde.

Sämtliche Gefühle, die man immer verdrängt hat, stürmen ständig herein, weil das Siegel gebrochen wurde. Und egal wie sehr man es versucht, das Siegel kann nicht mehr repariert werden. Der Regenbogenfluss dringt bedrohlich ein, das Atmen fällt schwer, der Sinn des Lebens geht irgendwo am Horizont unter und man selbst versucht nicht zu ertrinken.

Ja, das Glück und die Schönheit des Lebens kommen hoffentlich auch zu dir. Du hast es verdient! Jeder hat es verdient.
Aber vorher wird es anstrengend, so richtig. Denn dein Schauspiel war dein Leben, du kennst nur das, du hast gelernt dich darin wohlzufühlen und es gab dir Sicherheit, weil du die Kontrolle hattest.

Es tut mir leid, dass du nun durch diesen Part deines Lebens durchgehen musst.

Ich möchte dir auf dem Weg gerne folgendes mitgeben: all die Kraft, Mühe und Ausdauer, die du in dein Schauspiel gesteckt hast, ist weiterhin in dir! Auch wenn du dich jetzt schwach fühlst, so hast du dir doch all die Jahre eine gewisse Stärke angeeignet. Ich wünsche dir, dass du sie bald findest und sie für deine Heilung und dein Glück einsetzen kannst!

Alles Gute und liebe Grüße!
Re: Völlig am Boden zerstört
18. August 2024 14:05
Wow, BlueHoodie,
alle Hochachtung für deine Zeilen. Wie schon bisher bei deinen Beiträgen triffst du einen so empathischen und tiefgehenden Ton. Ich nehme aus diesem Beitrag wieder vieles mit.
Du hättest mir in meinen schwierigen Zeiten als Gesprächspartner sicherlich auch sehr gut getan.
Dir und für FS alles Gute

Liebe Grüße
Tom
Re: Völlig am Boden zerstört
18. August 2024 18:53
Oh mein Gott, das klingt sooo nach meinem aktuellen Zustand. Ich stelle mein ganzes Leben und mich in Frage. Selbst meinen erlernten Beruf. Alles!

Wie lange soll dieser zustand denn dauern? Ich habe das Gefühl ich gehe daran zu Grunde?!??
Re: Völlig am Boden zerstört
01. Januar 2025 13:10
Hi FS,


sorry, daß ich mich jetzt erst melde, ich war ziemlich lange nicht mehr hier.

Deine Geschichte ähnelt extrem meiner eigenen, nur das ich über 20 Jahre "Heteroleben" im Gepäck hatte, bis ich aus dem Zug ausgestiegen bin.

Es sind jetzt 4 Monate ins Land gegangen seit Deinem Eingangsposting - ich hoffe es geht Dir gut und vielleicht haben sich einige Dinge ja auch mittlerweile geklärt.

Wenn Du Interesse hast zu reden, melde Dich gerne bei mir.

Viele Grüße
Flo.
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