Lieber unknown_98,
ich kann gut nachvollziehen, in welchem Spannungaverhältnis du dich fühlst zwischen deiner religiösen Erziehung und deiner gefühlten Realität.
Ich bin in einem katholischen Umfeld aufgewachsen und da hat sich bei mir in der Jugend auch eingebrannt, dass Homosexualität eine Todsünde sei und welche Auswirkungen das haben solle. Aber auch Suizid wäre ja eine Todsünde gewesen und so musste ich also mit einer weiterleben.
Es war gut so, dass ich mich für das Leben entschieden habe. Es hat mir zwar danach noch allerhand Kämpfe und Selbstzweifel beschert, aber auch viele Erkenntnisse gebracht und Wegbegleiter, die ich, salopp gesagt, als meine Engel ansehe.
Nun blicke ich auf mein Leben zurück, in der Gewissheit, von Gott geliebt zu sein, von meiner Frau, mit der ich jetzt 40 Jahre verheiratet bin und die von Anfang an über meine zweite Veranlagung Bescheid weiß und die auch meine inzwischen vierjährige intime Freundschaft mit einem jungen Mann toleriert.
Ja, ich kann mich inzwischen auch so wie ich bin selbst lieben, was eine grundlegende Voraussetzung ist, andere bedingungslos und von Herzen zu lieben. Genau das steckt nämlich in dem Satz: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Ohne Selbstliebe keine Nächstenliebe. Denn wie kann ich etwas aus meinem Inneren, von Herzen, geben, was nicht in mit drinnen vorhanden ist und quasi unerschöpflich ist?
Kannst du es schon schaffen, losgelöst von allen äußeren Einflüssen und Vorgaben, mal einfach in dich hineinzuhören, deinem Herzen und deinen Gefühlen auf den Grund zu gehen?
Es wird vielleicht auch noch einige Zeit dauern, aber allein dein Herz, dein Gefühl wird dir deinen Weg zeigen, denn du kannst darauf vertrauen, dass du dabei gut geleitet und begleitet wirst.
Manchmal können auch liebe Menschen solche Begleiter sein, die dir zur Seite gestellt werden.
Kannst du dich in eine Hand fallen lassen, die dich immer irgendwie auffangen und tragen wird? Hast du aus deiner Religion nicht nur die Angst vor Strafe sondern vor allem das Vertrauen auf Gnade, auf Liebe und auf Fügung?
Ich wünsche dir in dieser Situation der Zerrissenheit die Kraft, dies auszuhalten, Ruhe zu finden und dann deine eigene Sitmme zu hören.
Liebe Grüße und alles Gute