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Ungeoutet (un)glücklich

geschrieben von unknown_98 
Ungeoutet (un)glücklich
15. Juni 2024 16:58
Guten Tag alle zusammen.
Grüße aus dem Weserbergland smiling smiley.

Ich fange einfach mal an, weil ich nicht mehr weiter weiß.

Geboren und aufgewachsen bin ich in einer strengen christlich(baptistischen) Familie. Schon früh wurde einem Indoktriniert das schwul sein eine der größten Sünden ist die man begehen kann. Aber mit dem Alter wurden Jungs immer interessanter. Ich schob den Gedanken beiseite und lebte mein Leben.

Als ich so ca 18 Jahre alt war fingen die Freunde und Bekannten aus der Kirche mit dem heiraten an. Bei uns ist das gesellschaftlich Normal früh zu heiraten und Kinder zu bekommen. Da ich noch Single war wurde der Druck immer größer. Ich fand auch ein Mädel. Sie gefiehl mir und ich ihr. Eine wirklich tolle und wunderbare Frau. Fleißig, liebevoll und fleißig. Aber liebe ich sie ? Nein. Ich mag ihre Nähe und mit ihr Zusammensein aber brennt mein Herz für sie ?
Wir haben 2 Kinder die ich über alles liebe und auch nicht missen möchte. Die sind der Grund warum ich noch nicht abgehauen bin. Ist das fair meiner Frau gegenüber ? Ich weiß es nicht. Ich sorge für alle, verdiene gutes Geld. Aber innerlich fast schon tot. Auch Zweifel an meinen Glauben kommen. Wieso hat Gott mich so gemacht. Wenn’s eine Sünde ist wieso stehe ich dann auf Männer ? Soll das mein Laster auf Erden sein und jeden Tag leiden?…

Ich frag mich wie lange ich das noch ertragen soll.

Liebe Grüße
Re: Ungeoutet (un)glücklich
16. Juni 2024 08:15
Das muss grauenvoll sein..ich hatte mich mal mit jemand getroffen der steckte in ner ähnlichen Situation nur war er bereits geschieden. Trotzdem war das für ihm eine immenser gewissenskonflikt mit seinen Glauben. Der musste dann auch auf eine psychotherapeutische Reha.

Ich denke nicht dass es eine höhere Gewalt gibt, die einen deswegen verurteilt oder als schlechten Mensch sieht. Vielleicht kannst du, wenn du dich gläubig bist, für dich gedanklich einen Mittelweg finden. Eben weil man das nicht einfach wählen kann, und du glaubst an einem schöpfer somit wird das so schon richtig sein sonst wäre es ja nicht so. Ist zudem ja gar nicht selten dass es Männer gibt die religiös sind und dennoch schwul oder bi. Viele können für sich etwas glauben dass es nicht so extrem im Widerspruch steht verstehst du. Eben den ansatz hab ich schon öfters gehört, dass viele denken wenn sie so geschaffen wurden ist es okay und von ihrem gott gewollt weil dieser keine Fehler macht. Weisst du diese religiösen Texte sind ja auch in ner anderen Zeit entstanden und sprachen zu einer anderen Gesellschaft und ich bin der Meinung es liegt an den gläubigen dass so zu interpretieren,dass sie was positives für ihr leben mitnehmen können.

Dass du ein schlechtes gewissen deiner Frau gegenüber hast, kann ich nachvollziehen. Da gibs viele ähnliche Situationen hier die nicht immer schlecht endeten. Ich hoffe es wird für dich auch so.

Was ich mir kaum vorstellen kann ist, dass es sinnhaft ist mit einem immensen leidensdruck zu leben oder gar gott gewollt. Denkst du viel daran deine Situation zu verändern? Weil mir scheinst du schon sehr unglücklich über die Situation
Re: Ungeoutet (un)glücklich
16. Juni 2024 10:54
Das war ehrlich.
Re: Ungeoutet (un)glücklich
16. Juni 2024 11:41
Herzlich Willkommen unknown_98 ,

vielen Dank das Du deine Gedanken mit uns teilst.

Vor Jahren habe ich Wolf Bruske kennen gelernt. Er war 25 Jahre lang Pastor, zunächst einer evangelisch-methodischsten Gemeinde, dann verschiedener baptischer Gemeinden, bis er einen tiefen Burnout erlebte, den er heute als "die Notbremse Gottes" nennt und der sein Leben aus der vorgezeichneten Bahnen warf. Als Folge hatte er nach 40 Jahren Flucht vor sich selbst sein Coming-out als homosexuell. Heute lebt er am Bodensee und arbeitet seelsorglich unter Homosexuellen.
In seinem Buch - DAS DRITTE LEBEN - beschreibt er seinen Weg.

Inzwischen hat er mehere Bücher geschrieben - richtig gut finde ich seinen Roman - FLAMME DES HERRN - die Geschichte von SVEN und MARCO.

Vielleicht findes Du ja Antworten die dich auf deinem Weg weiter bringen.
Denn Du bist noch jung - und kannst frühzeitig deinen Weg gehen, auch wenn er so schwer aussehen mag.


Auch der Austausch hier im Forum, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, ist mehr als hilfreich.

GLG Maks
Re: Ungeoutet (un)glücklich
19. Juni 2024 10:23
Lieber unknown_98,
ich kann gut nachvollziehen, in welchem Spannungaverhältnis du dich fühlst zwischen deiner religiösen Erziehung und deiner gefühlten Realität.
Ich bin in einem katholischen Umfeld aufgewachsen und da hat sich bei mir in der Jugend auch eingebrannt, dass Homosexualität eine Todsünde sei und welche Auswirkungen das haben solle. Aber auch Suizid wäre ja eine Todsünde gewesen und so musste ich also mit einer weiterleben.
Es war gut so, dass ich mich für das Leben entschieden habe. Es hat mir zwar danach noch allerhand Kämpfe und Selbstzweifel beschert, aber auch viele Erkenntnisse gebracht und Wegbegleiter, die ich, salopp gesagt, als meine Engel ansehe.
Nun blicke ich auf mein Leben zurück, in der Gewissheit, von Gott geliebt zu sein, von meiner Frau, mit der ich jetzt 40 Jahre verheiratet bin und die von Anfang an über meine zweite Veranlagung Bescheid weiß und die auch meine inzwischen vierjährige intime Freundschaft mit einem jungen Mann toleriert.
Ja, ich kann mich inzwischen auch so wie ich bin selbst lieben, was eine grundlegende Voraussetzung ist, andere bedingungslos und von Herzen zu lieben. Genau das steckt nämlich in dem Satz: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Ohne Selbstliebe keine Nächstenliebe. Denn wie kann ich etwas aus meinem Inneren, von Herzen, geben, was nicht in mit drinnen vorhanden ist und quasi unerschöpflich ist?
Kannst du es schon schaffen, losgelöst von allen äußeren Einflüssen und Vorgaben, mal einfach in dich hineinzuhören, deinem Herzen und deinen Gefühlen auf den Grund zu gehen?
Es wird vielleicht auch noch einige Zeit dauern, aber allein dein Herz, dein Gefühl wird dir deinen Weg zeigen, denn du kannst darauf vertrauen, dass du dabei gut geleitet und begleitet wirst.
Manchmal können auch liebe Menschen solche Begleiter sein, die dir zur Seite gestellt werden.
Kannst du dich in eine Hand fallen lassen, die dich immer irgendwie auffangen und tragen wird? Hast du aus deiner Religion nicht nur die Angst vor Strafe sondern vor allem das Vertrauen auf Gnade, auf Liebe und auf Fügung?
Ich wünsche dir in dieser Situation der Zerrissenheit die Kraft, dies auszuhalten, Ruhe zu finden und dann deine eigene Sitmme zu hören.

Liebe Grüße und alles Gute
Re: Ungeoutet (un)glücklich
24. Juni 2024 23:00
Lieber unknown_98,
die Situation, die du beschreibst, kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Und sie holt mich immer wieder ein. Ich sehe das mit der Sündhaftigkeit der Homosexualität als einen großen Irrtum an. Nicht aus einer theologischen Sicht heraus (damit kommt man bei den so denkenden eh nicht durch, die sind viel zu scharf dagegen munitioniert. Von wegen „man weise es mir in der Schrift nach“…). Sondern aus einer tiefen existenziellen Erfahrung heraus, als ich an einem Abend (endlich!) alle Zweifel und Ängste über Bord warf und mich zum ersten Mal mit einem Mann eingelassen habe. Um danach zu erkennen, dass nichts, aber auch gar nichts daran sündig war. Und der Gott, an den ich immer noch fest glaube, mich für diese Tat nicht verurteilt. Und das bringt mich zum Punkt: diese Gedankenspiralen treiben dich irgendwann in den Wahnsinn. Gläubig und „anders sein“ sind keine Widersprüche! Niemand hat das Recht, dir deinen Gott zu nehmen, an den du glaubst. Aber du hast das Recht, ihn so zu erfahren, wie er ist. Quäle dich nicht länger mit diesen Gedanken! Das sind Leute, die einfach keine Ahnung haben von dem, worüber sie reden, schreiben und predigen (auch das aus eigener Erfahrung, denn ich habe meinen früheren Pietisten-Pastor damit konfrontiert, dass er mich damit persönlich trifft, wenn er solchen Mist predigt). Befreie dich von diesem Gedankengut und lerne Gott so kennen wie er ist. Liebend, gnädig und annehmend. Sonst hätte er dich nicht so gemacht.
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