SAMIR
Ich fahre wie so oft freitags ins QUEER & FRIENDS, dem schwul-lesbischen Zentrum. Heute Abend ist wieder Filmabend, eine Coming-out-Geschichte, ganz nach meinem Geschmack.
Ich bin absichtlich früher da, um noch mit dem einen oder anderen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht ergibt sich eine interessante Begegnung, vielleicht sehe ich jemanden wieder, der mir im Kopf geblieben ist. Beim Betreten des großen, passend zum Filmabend geschmückten Raums begrüßen mich zwei Vereinsmitglieder hinter der Theke freundlich.
"Hallo, wie geht's?" Der übliche Smalltalk beginnt. Ich setze mich an die Bar und bestelle ein alkoholfreies Weizen. Ich will diese Phase meines Lebens ganz bewusst erleben. Ich habe genug davon, mich in vermeintliche Lösungen zu flüchten, die mich nur weiter von mir selbst entfernen. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Ich möchte bewusste Entscheidungen treffen und mich selbst ehrlich kennenlernen.
Ein bisschen bin ich auch aufgeregt. Wer wird heute da sein? Gibt es jemanden, mit dem ich mich gern unterhalten würde? Egal – Hauptsache, ich sitze nicht allein zu Hause auf dem Sofa und scrolle planlos durch Dating-Plattformen.
Mein Blick wandert immer wieder zur Tür. Bekannte Gesichter, aber auch neue. Nichts zieht mich wirklich an. Die Smalltalk-Gespräche an der Theke plätschern weiter.
Dann öffnet sich die Tür erneut. Eine zierliche Gestalt tritt ein, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie wirkt unsicher, bleibt stehen, wartet. In mir regt sich sofort etwas – Mitleid, Neugier, vielleicht auch ein Hauch von Schutzinstinkt. Mein Herz schlägt schneller. Irgendetwas an seinem Auftreten berührt mich tief. Als würde sich ein alter Teil von mir in diesem Moment wiedererkennen. Zögerlich geht er ein paar Schritte in den Raum, schiebt langsam die Kapuze zurück: dunkle, fast schwarze Augen, kurz geschnittenes schwarzes Haar. Ein junger Mann mit jugendlichem Gesicht.
Unsicher geht er zum Sofa in der Ecke und setzt sich allein. Einer der Barkeeper fragt freundlich, was er trinken möchte. "Eine Cola, bitte."
Er sitzt noch immer allein. Ich kann mich kaum auf die Gespräche konzentrieren. Immer wieder wandert mein Blick zu ihm. Etwas zieht mich an. Vielleicht seine Unsicherheit. Vielleicht, weil wir etwas gemeinsam haben – diesen tastenden Blick auf die Welt, den ich selbst nur allzu gut kenne. Das vorsichtige Abtasten der Wirklichkeit. Wie zwei, die gelernt haben, sich nicht sofort zu zeigen, aus Angst vor dem Urteil der anderen. Ein Herantasten an ein neues Leben, das sich noch nicht sicher anfühlt.
In mir regt sich ein Gefühl, das ich kaum fassen kann: Ist es der Wunsch, ihm zu helfen? Ihm das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein? Oder einfach die Neugier auf seine Geschichte?
Soll ich rübergehe
n? Was denken die anderen? Egal. Ich will nicht, dass er da allein sitzt.
Ich nehme mein Glas, atme tief durch und gehe zu ihm.
"Hallo, ich bin Maks. Darf ich mich zu dir setzen?"
Er nickt zögerlich. "Ja ... ich bin Samir."
Ich setze mich gegenüber, zwischen uns ein kleiner Tisch.
"Ich komme seit ein paar Monaten hierher", beginne ich leise. "War ein großer Schritt. Irgendwann wollte ich nicht mehr nur darüber nachdenken, wie es wäre, wirklich ich selbst zu sein."
Samir schaut mich an, sagt nichts, aber seine Augen bleiben auf mir. In seinem Blick liegt etwas Suchendes, eine stumme Frage, vielleicht auch ein Hauch von Hoffnung – und tief darunter eine Verletzlichkeit, die mich sofort berührt.
"Seitdem versuche ich herauszufinden, wer ich eigentlich bin. Es ist neu. Und aufregend. Und manchmal verwirrend."
Ich deute auf die Leinwand. "Ich freu mich auf den Film. Es geht um jemanden, der sich nicht mehr verstecken will. Der merkt, dass er nicht allein ist. Viel Gefühl, wenig Drama."
Samir nickt langsam. Ich sehe, dass er mich beobachtet. Doch in seinen Augen liegt etwas Trauriges.
Zögerlich beginnt er zu sprechen. "Meine Familie kommt aus der Türkei und Ägypten. Ich bin ihnen sehr verbunden ... Bei uns ist Familie ein großes Netz. Man kann es kaum in Zahlen fassen."
Ich sage nichts. Höre einfach zu.
"Kannst du mir vielleicht helfen, Maks?" flüstert er.
"Worum geht's?"
"Kennst du eine Frau, die mich heiraten würde?" Seine Stimme zittert, als würde er selbst kaum glauben, was er da sagt. In mir bildet sich ein Knoten – Wut, Traurigkeit, Hilflosigkeit. Es ist nicht einfach nur eine Frage. Es ist ein Hilferuf, verborgen in einer Bitte, die so viel tiefer geht als ihre Worte.
Ich bin verdutzt. "Äh ... wie bitte? Warum?"
"Ich darf nicht von zu Hause ausziehen, solange ich nicht verheiratet bin. Es soll nur ein Alibi sein. Damit ich ausziehen kann. Dann würde ich mich wieder scheiden lassen."
Ich bin erschüttert. Wie viel Druck muss auf ihm lasten? Wie groß die Kluft zwischen seinem Wunsch nach Freiheit und den Erwartungen seiner Familie. Was für eine Kraft es kostet, sich selbst zu verleugnen – nur um den Schein zu wahren.
Ich denke: Wie gut es mir eigentlich geht. Ich erinnere mich an meinen ersten Abend hier – wie ich allein an der Wand stand, nicht wusste, wo ich hinschauen sollte. Und jetzt? Jetzt fühle ich mich frei. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.
Und er bittet um eine Scheinehe?
Es fühlt sich falsch an. Nicht für ihn, sondern als Weg. Ich will ihn nicht in eine neue Lüge begleiten.
Ich schaue ihn an. "Samir ... Ich verstehe, wie schwer das für dich ist. Aber eine Frau für so etwas zu finden – das ist nicht nur rechtlich heikel. Du müsstest dich wieder verstecken."
Er sagt, er würde ehrlich zu der Frau sein. Trotzdem ...
"Was ich dir anbieten kann: Ich bin da. Wenn du jemanden brauchst, der zuhört. Oder einfach, um nicht allein zu sein."
Ein zartes Lächeln huscht über sein Gesicht. Ganz klein, aber ehrlich.
Die Glocke klingelt. Der Barkeeper ruft: "Es geht los!"
"Komm", sage ich. "Lass uns den Film gemeinsam anschauen."
Wir setzen uns nebeneinander. Es fühlt sich gut an.
Der Film trägt uns fort. Ich sehe, wie sich Samirs Blick verändert. Vielleicht Hoffnung, vielleicht Ruhe.
Das Ende ist still und berührend: Der Vater reicht der Mutter wortlos einen Geldschein. Sie hatte recht: Ihr Sohn ist schwul. Keine Diskussion. Nur dieser Moment. Und Samir? Wie würde so ein Moment für ihn aussehen?
Ich lächle. Auch Samir lächelt – vorsichtig, ehrlich. Dann kehrt der Schatten zurück.
Denn er weiß: Bei seinen Eltern wird es nie so sein.
Während des Abspanns stupst er mich an. "Ich muss los. Mein Bus fährt gleich."
Wir gehen zur Tür. "Darf ich dich umarmen?" frage ich.
Er zögert, tritt dann näher. Eine kurze, ehrliche Umarmung. Dann geht er.
Ich kehre zur Bar zurück. Lache mit den anderen. Aber innerlich bin ich bei ihm.
Plötzlich öffnet sich die Tür. Es ist Samir.
"Ich hab den Bus verpasst ... Ich komme nicht mehr nach Hause. Was soll ich tun?"
Ich könnte ihn heimfahren. Was sollen die anderen denken? Egal.
"Wo wohnst du?" frage ich.
Er nennt die Richtung. Ich kenne meine Antwort längst. "Ich kann dich fahren."
"Wirklich?"
Ich nicke.
Im Auto ist es still. Samir schaut hinaus. Ich fahre schweigend. Kurz vor seinem Haus:
"Fahr bitte in die andere Straße. Ich will nicht, dass uns jemand sieht." Seine Worte treffen mich. So viel Angst vor Entdeckung, so tief verwurzelt, dass selbst der Heimweg zur Gefahr wird. Ich spüre eine Welle von Traurigkeit – nicht über ihn, sondern über das Leben, das ihn zwingt, sich so sehr zu verstecken.
Ich halte in einer Sackgasse. Und während ich den Motor laufen lasse, denke ich: Wie passend. Auch Samir steckt in einer Sackgasse – nur dass seine aus Erwartungen gebaut ist, aus Angst und Pflichtgefühl.
Ich spüre den Impuls, ihn zu umarmen. Aber ich tue es nicht.
"Danke nochmal. Schön, dass wir uns getroffen haben."
Er steigt aus. Verschwindet in der Dunkelheit.
Ich starte den Motor und fahre still nach Hause.
In meinem Kopf kreisen Bilder. Samirs Stimme, seine Bitte, seine Augen, seine Ohnmacht, seine Zerbrechlichkeit. Ob ich ihn irgendwo und irgendwann wiedersehe?
Um ihn dann eng umschlungen in meinen Armen zu halten und ihm sagen zu können: Alles wird gut. Doch gleichzeitig spüre ich Verzweiflung, weil ich weiß, dass ich ihm nicht wirklich helfen kann. Nicht in dem, was ihn innerlich zerreißt.
Auch unser Altersunterschied – etwa 20 Jahre – fühlt sich in diesem Moment für mich falsch an. Vielleicht braucht er jetzt jemanden, der seine Situation wirklich nachempfinden kann, auf Augenhöhe, in ähnlichem Alter, mit ähnlichen Fragen. Ich spüre, dass ich ihm zuhören kann – aber nicht der Mensch bin, der ihn in dieser Lebensphase wirklich auffangen kann. Für das, was er jetzt braucht.
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 24.07.25 17:50.