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Mit Mitte 30 alles Neu
geschrieben von: Rouven (-)
Datum: 13. Januar 2010 21:07

Servus zusammen!

Seit einiger Zeit lese ich hier still und heimlich mit. Man möge es mir verzeihen, dass ich mich erst jetzt vorstelle.

Ich finde diese Forum sehr gut und nützlich, allerdings hätte ich es besser schon vor einigen Jahren finden sollen als sich bei mir alles auf den Kopf stellte, mittlerweile habe ich mein coming out seit ein paar Jahren hinter mir. Damals hätte es sehr hilfreich für mich sein können, mich hier auszutauschen…

Meine Geschichte ist wohl ein wenig anders als die von vielen anderen hier, aber nachdem ich von Euch so viel gelesen habe, möchte ich sie Euch nicht vorenthalten, auch wenn ich nicht mehr auf der Suche nach Rat bin, denn glücklicherweise kann ich von mir behaupten, dass bei mir alles im Lot ist.

Ich bin Ende 30. Eigentlich war das Thema Männer nie wirklich vorhanden in meinem Leben. Ich hatte keine schwulen Erlebnisse in meiner Jugend und eigentlich auch nie das Bedürfnis, mit einem Mann Sex zu haben oder anderweitig Nähe zu erleben. Ich hatte, bis ich Mitte 30 war, nur Beziehungen und Sex mit Frauen. Trotzdem – und das hat mich schon verunsichert – haben sich meine Fantasien bei der Selbstbefriedigung immer nur um Männer gedreht. Irgendwann konnte ich mir selber eingestehen, dass da wohl eine „Bi-Ader“ in mir schlummert. Allerdings hatte ich nie das Bedürfnis diese auszuleben. Im Gegenteil, zu diesem Zeitpunkt wäre ich wohl auf und davon, wäre mir ein Kerl zu nahe getreten (Angst/Verdrängung…?) Egal, ich war sehr glücklich in der Beziehung mit meiner Frau. Aus dieser Beziehung, die viele Jahre gedauert hat und emotional wie sexuell sehr ausgefüllt war, gibt es keine Kinder. Meine Frau ist vor einigen Jahren unerwartet verstorben. Es hat erst mal einige Zeit gebraucht, bis ich wieder anfangen konnte, „zu leben“. Familie und Freunde waren eine unschätzbare Stütze für mich in dieser Zeit. Viele Monate später, in einem wirklich einzigartigen und emotionalen Moment, hatte ich mit einem sehr guten Freund (hetero – mehr oder weniger…) mein erstes und völlig unerwartetes Erlebnis mit einem Mann. Nun was soll ich sagen: Wow!!! Mir war in dem Moment klar, dass ich das nie wieder würde aufgeben wollen. Das ganze dauerte einige Wochen als Affäre an, hatte aber natürlich – auch weil er in einer langjährigen Beziehung zu einer Frau war (worauf ich WIRKLICH nicht stolz bin…) keine Zukunft.

Als mir klar war, dass es DAS war, was ich für mich für die Zukunft wollte, habe ich – nachdem mein bisher gelebtes Leben ja eh schon in Trümmern lag – nach und nach angefangen, mein Umfeld darauf vorzubereiten, dass ein eventueller neuer Partner an meiner Seite, ein Mann sein würde. Ich habe mir einfach gedacht: Diejenigen, die diese Entscheidung bzw. Wandlung in meinem Leben nicht würde akzeptieren können, haben halt von diesem Moment an auch keinen Platz mehr in meinem Leben. Manche Wege geht man gemeinsam, irgendwann mögen sie sich wieder trennen. Und was soll ich sagen: Keiner der Menschen die mir wichtig sind hat sich von mir abgewandt. Im Gegenteil, ich habe sogar das Gefühl, dass zu vielen die Freundschaft seither tiefer und vertrauter geworden ist. Meinen Eltern gegenüber hat es allerdings einige Monate länger gedauert bis ich soweit war, bzw. den Mut aufgebracht habe. Zum Glück haben auch sie akzeptiert, dass dies mein Weg ist und mir keinerlei Steine in den Weg gelegt (meine Mutter hat eine Nacht darüber geweint und dann hatte sie sich mit der neuen Situation im großen und ganzen abgefunden).

Nachdem ich mich geoutet hatte, habe ich eine wirklich nur ganz kleine Sturm- und Drangzeit ausgelebt. Allerdings hat mir der schnelle, unverbindliche Sex nicht viel gegeben. Mir war schnell klar, dass ich Erfüllung nur in einer Beziehung würde finden können. Ein schwuler Freund hat mir dann von GR erzählt und so habe ich mich dort angemeldet. Dort habe ich meinen ersten Freund, mit dem ich über ein halbes Jahr zusammen war, kennen gelernt. Es war eine schöne, interessante Zeit. Leider waren wir sehr unterschiedlich, so dass wir nicht wirklich gut harmonierten. Als er sich von mir trennte, habe ich (in einer Disco – passiert sowas wirklich?) kurz darauf meinen jetzigen Freund kennen- und lieben gelernt. Wir sind jetzt über 2 ½ Jahre zusammen und das Gefühl sagt mir deutlich, dass es noch eine sehr, sehr lange Zeit für uns zusammen geben könnte. Meine Eltern freuen sich über einen zweiten Sohn, den sie in ihr Herz geschlossen haben und mein Freundeskreis, der früher auch der Freundeskreis meiner Frau war, akzeptiert ihn anstandslos als den Menschen den ich liebe. Manchmal glaube ich zwar, dass ich gewissermassen einen „Trauer-Bonus“ bei den meisten meiner Freunde hatte, aber letztlich ist nur wichtig, dass ich mein Leben so leben kann wie ich möchte und wie es mir gut tut. Das schließt natürlich nicht aus, dass mir die Erinnerung an meine Frau lieb und teuer ist und ich die Zeit mit ihr niemals missen möchte. Im Gegenteil, ich hätte mich auf keinen Fall in jüngeren Jahren für diesen Weg entscheiden wollen. Ich wäre dem emotional vielleicht nicht gewachsen gewesen. Was mich rückblickend am meisten erstaunt ist, wie zielstrebig ich damals, innerhalb von wenigen Monaten mein coming out durchgezogen habe. Keine Ahnung ob ich das heute noch mal so könnte. Ich bin aber mehr als froh, dass es so gelaufen ist wie es nun mal war.

Das ganze liest sich jetzt vielleicht ein wenig wie ein Kitsch-Roman. Als ob es mir viel zu leicht gefallen wäre. Es gab einfach einen Auslöser zu einem Zeitpunkt in meinem Leben, als ich nicht mehr viel zu verlieren hatte, das ist wohl der Grund warum das alles so passiert ist. Abschließend kann ich sagen, dass ich nichts bereue, was passiert ist. Alles hat seine Richtigkeit.

Denjenigen, die sich bis zum Ende meiner Geschichte durchgequält haben, danke ich recht herzlich für ihr Interesse. Eure Plattform ist spitze und es ist sehr gut, dass es sie gibt. In meinem privaten Umfeld – nun sensibilisiert für diese Thematik – hatte ich mittlerweile die ein oder andere Erfahrung mit Männern, die in ihren 30ern oder 40ern plötzlich nicht mehr anders können und diesem Drängen nachgeben. Es hat mich überrascht, dass es doch einige davon gibt. Und jeder von ihnen geht einen völlig anderen Weg und durchlebt seine eigene kleine Hölle.

Macht weiter so, schön, dass es Euch gibt!

Viele Grüße,
Rouven

Re: Mit Mitte 30 alles Neu
geschrieben von: rick (-)
Datum: 13. Januar 2010 22:23

hallo, Rouven,

Deinen Satz:

"Was mich rückblickend am meisten erstaunt ist, wie zielstrebig ich damals, innerhalb von wenigen Monaten mein coming out durchgezogen habe. Keine Ahnung ob ich das heute noch mal so könnte."

kann ich genau so eins zu eins unterschreiben! Manchmal sitzt man da, lässt die vergangenen Monate und Jahre Revue passieren und fragt sich: wow, war ich das da in den letzten paar Monaten? Ja! Und es ist doch schön, wenn wir uns auch mal über uns selber wundern können, positv wundern, versteht sich...

Was Du als "Trauer-Bonus" verdächtigst, hatte ich bei mir einige Zeit als "Exoten-Bonus" verstanden: vielleicht ist es ja auch ganz einfach cool, jetzt auch (noch) nen Schwulen im Freundeskreis zu haben. Ich dachte mir nach dem co auch: komisch, alle verstehen mich, keiner reagiert verstört oder zieht sich gar von mir zurück. Im Gegenteil: mein soziales Umfeld scheint mir plötzlich fester und grösser als je zuvor.

Nein, ich denke ganz einfach, unsere Freunde sind erstens auch im etwas "gereifteren" und "vernunfts-gesteuerten" Alter und gackern nicht gleich teenie-like los und sind, zweitens, ja auch nicht umsonst unsere Freunde, oder? Das zeigt allen anderen, die das hier lesen, doch nur: einfach machen, wagen! Die Anderen "sollten" das geringste Problem sein - und sind es ja meistens auch.

gruss, rick

Re: Mit Mitte 30 alles Neu
geschrieben von: Rouven (-)
Datum: 14. Januar 2010 16:32

Hallo Rick,

mit dem "Exoten-Bonus" magst Du recht haben. Ausserdem hat sich herausgestellt, dass einige meiner Hetero-Freunde, Männlein wie Weiblein, durchaus auch sehr gerne mal mit in Szene-Lokale gehen weil sie es dort oft viel netter, lustiger und unterhaltsamer empfinden als in gängigen Hetero-Läden. Wie Du schon schreibst, wir sind an sich alle in einem Alter, in dem wir damit umgehen können sollten dass die wesentlichste Konformität die Vielfalt ist :-)

Was ich vergessen habe zu erwähnen: Nach dem Tod meiner Frau war ich in psychotherapeutischer Behandlung. Ich muss sagen, dass mir das auch bei meinem coming out geholfen hat, denn natürlich habe ich mit meinem Therapeuten auch diese Thematik behandelt. Manchmal ist es schon nicht verkehrt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Gruß, Rouven

Re: Mit Mitte 30 alles Neu
geschrieben von: Andreas74 (-)
Datum: 04. März 2010 17:50

RESPEKT !!!!


und weiterhin ganz viel glück für deine zuknunft !
ich glaub, dass du mit deiner geschichte einigen leuten hier auch etwas mut geben konntest.

deine frau ist bestimmt stolz auf dich ! und guckt glücklich auf dich herunter.

gaaaaaaaanz viel glück für dich !!!

LG
ANDREAS

Re: Mit Mitte 30 alles Neu
geschrieben von: Rouven (-)
Datum: 08. März 2010 10:18

Hallo Andreas,

vielen Dank für Deine Worte und die guten Wünsche. Ich stelle mir auch manchmal vor, dass meine Frau - wo immer sie jetzt sein mag - zufrieden mit mir und meinem Leben auf mich blickt. Ich würde es im umgekehrten Fall auch tun.

Auf jeden Fall bin ich für mich sehr froh, dass mir jahrelange Selbstzweifel und Selbstverleugnung erspart geblieben sind, denn das stelle ich mir unglaublich Kräftezehrend vor. Ich wünsche jedem, der mit seinem wahren Ich kämpft, dass er diesen Kampf zu seinem Vorteil entscheidet und danach befreit in ein neues Leben starten kann.

LG Rouven



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